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Christen in der Türkei : Am Berg der Knechte

Auch das Christentum prägt die Türkei seit Jahrhunderten, wie hier in der Kapelle des Klosters Mor Gabriel bei Midyat. Allerdings stehen Christen zunehmend unter Druck. Bild: epd

Das Christentum wurde in der Türkei im Laufe der Jahrhunderte schon häufig auf die Probe gestellt. Stark dezimiert überlebt es im Südosten der Landes. Ein Blick in das Leben eines aus Syrien geflüchteten Christen.

          Immer wieder fährt Josef M. von Mardin zwanzig Kilometer hinab nach Kiziltepe, an die Grenze zu Syrien. Er wolle hinübersehen in seine Heimat und syrische Luft einatmen, sagt der 69 Jahre alte syrisch-orthodoxe Christ. Jenseits des Grenzzauns sieht er die Städte Amuda und Darbasiya und die weite Ebene, in der auch Hassakeh liegt, die Stadt, aus der er vor dem „Islamischen Staat“ hatte fliegen müssen. „Ich sehne mich nach Syrien“, sagt Josef, er will zurück in das Land seiner Vorfahren. „Denn Syrien ist für uns Christen das beste Land, besser noch als der Libanon.“ Zunächst aber will er nur ein einziges Mal nach Deutschland, wo seine drei Söhne leben. Die Chance, als Flüchtling ein Visum zu bekommen, sind in der Türkei höher als in Syrien. Also harren Josef und seine Frau weiter in Mardin aus.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Von seinen drei Söhnen, sagt Josef, wolle keiner mehr zurück nach Syrien. Einer habe sein Studium als IT-Ingenieur abgeschlossen, die beiden anderen studierten noch. Sie überweisen so viel an ihre Eltern, dass die gerade überleben können. In Deutschland würden Josef und seine Frau nicht bleiben wollen. Sie wollen zurück nach Hassakeh, wo vor dem Überfall durch den „Islamischen Staat“ 3000 syrisch-orthodoxe und 2000 katholische Familien lebten. In Hassakeh hat Josef ein Haus, seine zwei Brüder haben in der Stadt überlebt.

          2014 waren auf der Flucht vor dem  „Islamischen Staat“ mehr als 200.000 Syrer in der türkischen Provinz Mardin gestrandet. Sie wurden in den Städten Nusaybin, Midyat und Derik in Zeltstädten untergebracht. Viele sind weitergezogen. In der Provinz leben noch 90.000, von denen jeder vierte eine Arbeit fand. Damit ist fast jeder zehnte Einwohner ein Flüchtling. In der Provinzhauptstadt Mardin warten neben mehr als zweitausend muslimischen Flüchtlingen nur noch dreißig syrische Christen auf eine bessere Zukunft.

          Eine der wichtigsten Regionen des frühen Christentums

          Josef fährt mit Gabriel, dem Priester der größten syrisch-orthodoxen Kirche in Mardin, hinab an die Grenze. Vom Kirchhof seiner Kirche, der Kirklar Kilisesi, sieht man hinab in den Beginn der mesopotamischen Tiefebene. Irgendwo im Dunst verläuft die Grenze zu Syrien. Die Kirche ist noch neu, erst vierhundert Jahre alt und mit hellem Kalkstein erbaut. Denn Christen siedeln hier bereits seit dem vierten Jahrhundert. Der Tur Abdin, der „Berg der Knechte Gottes“, war eine der wichtigsten Regionen des frühen Christentums. Theologen aus Nusaybin (Nisibin) und Urfa (Edessa) haben die Theologie des frühen Christentums maßgeblich mitgestaltet, Klöster wie das 397 erbaute Mor Gabriel waren prägende kulturelle Zentren. Das nahe Mardin liegende Kloster Deir Zafaran diente dem Patriarchen der syrisch-orthodoxen Kirche von 1160 bis 1932 als Sitz.

          Die Blütezeit des Siedlungsgebiets der syrisch-orthodoxen Christen ist längst Vergangenheit. In Tur Abdin lebten heute, einschließlich der Großstadt Diyarbakir am Rande der Region, nur noch 5.000 Christen, sagt Pfarrer Gabriel. Seit dem Ersten Weltkrieg haben mehrere Auswanderungswellen die Zahl massiv verringert. Abgewandert sind sie nach Istanbul, und ausgewandert nach Syrien und den Libanon, nach Europa und Nordamerika.

          Jeden Sonntag feiert Pfarrer Gabriel mit zweihundert Gläubigen in einer vollen Kirche Gottesdienst. An Werktagen erklingen abends aus den Fenstern des Gemeindehauses die Hymnen und Choräle, die die jugendlichen Gemeindemitglieder einstudieren. Zu Hause in ihren Familien sprechen sie Turoyo, eine neuostaramäische Sprache. In der Kirche lernen sie die Liturgiesprache, das klassische Aramäisch, das auch die Sprache Jesu gewesen war.

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