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Anschlag von Christchurch : Polizisten stoppten Massenmord nach 36 Minuten

  • Aktualisiert am

Ein Polizist wacht am Samstag vor der Al-Noor-Moschee in Christchurch. Bild: AFP

Premierministerin Ardern nennt vor Ort neue Details zur Terrortat, der 49 Menschen zum Opfer fielen. Der Tatverdächtige demonstriert mit einer Geste vor Gericht seine rechtsextreme Gesinnung.

          Unter den 49 Todesopfern des Terroranschlags auf zwei Moscheen in Neuseeland sind auch mehrere Kinder. Das teilte Premierministerin Jacinda Ardern bei einem Besuch in der Stadt Christchurch mit, wo sie am Samstag Vertreter der muslimischen Gemeinschaft traf. Sie besuchte auch ein Flüchtlingsheim mit Muslimen und richtete von dort eine Botschaft an das ganze Land: „Neuseeland ist in Trauer vereint.“ Vermutet wird, dass alle Todesopfer muslimischen Glaubens sind. In der Nähe der Tatorte legten viele Menschen Blumen nieder und zündeten Kerzen an. Die Opfer waren mehrheitlich Einwanderer oder Flüchtlinge aus Ländern wie Pakistan, Indien, Malaysia, Indonesien, Türkei, Somalia und Afghanistan. Mit etwa 50.000 Gläubigen – darunter viele Einwanderer aus Staaten wie Pakistan und Bangladesch – machen Muslime in Neuseeland etwa ein Prozent der Bewohner aus.

          Jüngsten Angaben zufolge liegen noch 39 Menschen mit Schusswunden in verschiedenen Krankenhäusern der neuseeländischen Großstadt. Elf von ihnen befinden sich auf Intensivstationen. Dem inhaftierten Tatverdächtigen, dem 28 Jahre alten Australier Brenton T., wird nun offiziell vielfacher Mord zur Last gelegt. Nach aktuellem Stand der Ermittlungen scheint der vermutlich rechtsextreme Schütze die Schüsse in den Moscheen alleine abgefeuert zu haben.

          Nach bisherigem Ermittlungsstand drang der Mann zunächst in die Al-Nur-Moschee ein, in der sich zum Tatzeitpunkt über 300 Menschen zum Freitagsgebet versammelt hatten. Dort schoss er mit Schnellfeuerwaffen um sich und tötete 41 Menschen. Anschließend fuhr er zu einer zweiten Moschee und brachte acht weitere Menschen um. Mit einer Helmkamera filmte er die Tat und übertrug sie auch live ins Internet.

          Der Premierministerin zufolge wollte der Schütze dann auch noch anderswo morden. „Er hatte absolut die Absicht, seine Attacke fortzuführen“, sagte Ardern. Nachdem er die zweite Moschee verlassen hatte, sei er dann aber in seinem Auto von der Polizei gestoppt worden. Ardern lobte den Mut der beiden Polizisten, die den Attentäter 36 Minuten nach dem ersten Notruf festgenommen hatten. Ohne ihr Eingreifen hätte er wahrscheinlich noch mehr Menschen getötet. In seinem Auto wurden zwei weitere Feuerwaffen und Sprengstoff sichergestellt.

          Auf einem unscharfen Video, das offenbar aus einem vorbeifahrenden Auto aufgenommen wurde, war das helle Fahrzeug des Angreifers am Rand einer befahrenen Straße zu sehen. Es war von einem Polizeiwagen gegen einen Bordstein gerammt worden, eines seiner Vorderräder ragte in die Luft. Zwei Polizisten hatten ihre Waffen auf die offene Beifahrertür gerichtet. Später war zu sehen, wie sie eine schwarzgekleidete Gestalt von dem Fahrzeug wegschleppten. Unklar blieb, ob zwei andere Verdächtige, die ebenfalls schon am Freitag festgenommen wurden, mit dem Australier in Kontakt standen. Ob sie in die Angriffe involviert seien, werde noch geprüft. Keine der drei festgenommenen Personen habe eine kriminelle Vergangenheit oder werde auf Beobachtungslisten in Neuseeland oder Australien geführt.

          Am Samstag wurde Brenton T. zu einem ersten Gerichtstermin in Handschellen und weißer Häftlingskleidung vorgeführt. Seine extremistische Gesinnung machte er mit einer Geste deutlich, die bei weißen Nationalisten in aller Welt gebräuchlich ist. Dabei werden die Spitzen von Daumen und Zeigefinger aufeinandergelegt, während die übrigen Finger der Hand nach unten zeigen.  Inhaltlich äußerte er sich neuseeländischen Medienberichten zufolge nicht. Er stellte auch weder einen Antrag auf Freilassung noch auf Kaution. Am 5. April soll es den nächsten Gerichtstermin geben.

          Die Zeitung „The Australian“ berichtete in ihrer Samstagsausgabe, dass der Täter schon früher merkwürdige Kommentare von sich gegeben haben habe. In einem Online-Eintrag von 2011 habe der Mann über sich geschrieben: „Ich bin ein Monster der Willenskraft. Ich brauche nur ein Ziel.“ Im Internet kursiert auch ein 74 Seiten langes „Manifest“ mit rechtsextremen Parolen, das von ihm stammen könnte. Die Ermittler bestätigten bislang allerdings nicht, dass er tatsächlich der Urheber des Schreibens ist.

          Imam: „Wir lieben dieses Land nach wie vor“

          Als Konsequenz aus dem Anschlag verschärft Neuseeland das Waffenrecht. „Unsere Waffengesetze werden sich ändern“, kündigte Ardern noch vor der Abreise nach Christchurch an. In Neuseeland kann jeder Bürger über 16 Jahren einen Waffenschein erhalten, wenn er zuvor einen Sicherheitskurs durchlaufen hat. Der Schütze hatte demnach seit November 2017 einen Waffenschein und die bei ihm gefundenen Schusswaffen teils legal erwerben können.

          Balkanreisen des Mannes legen ideologische Verbindungen nach Europa nahe. Das Video zeigt auf Waffen des Täters geschriebene Namen von Schlachten in Europa gegen die Araber oder die Osmanen, darunter mehrere auf dem Balkan. Nach Angaben der bulgarischen Justiz war der Mann 2016 und 2018 unter anderen in Serbien, Bosnien-Herzegowina und Bulgarien gewesen.

          Der Imam der angegriffenen Moschee in Linwood gab ein klares Bekenntnis zu Neuseeland ab. „Wir lieben dieses Land nach wie vor“, erklärte Ibrahim Abdul Halim. Zugleich bedankte er sich für die vielen Solidaritätsbekundungen seiner neuseeländischen Mitbürger.

          Trauernde gedenken vor einem Krankenhaus in Christchurch am Samstag der Opfer des Anschlags.

          Beschriebene Waffen in Christchurch - Was bedeuten die Zeichen?

          In dem zunächst im Internet kursierenden Video
          über die Bluttat im neuseeländischen Christchurch sind mehrere mit
          Namen und Symbolen beschriebene Waffen und Magazine zu sehen. Was
          bedeuten die Zeichen?

          Alexandre Bissonette: Der Attentäter erschoss 2017 in einer Moschee
          der kanadischen Stadt Quebec sechs Menschen. Er wurde zu lebenslanger
          Haft verurteilt.

          Anton Lundin Pettersson: 2015 überfiel er eine Schule in Schweden und
          tötete drei Menschen mit einem Schwert. Motiv: Rassismus. Polizisten
          erschossen den 21-Jährigen.

          Luca Traini: Der italienische Neofaschist verletzte Anfang 2018 in
          der Kleinstadt Macerata aus rassistischen Motiven sechs Afrikaner. Er
          wurde zu 12 Jahren Gefängnis verurteilt.

          Ebba Åkerlund: Das Mädchen kam 2017 bei dem Terroranschlag mit einem
          Lkw im schwedischen Stockholm ums Leben.

          Karl Martell: Er führte die Franken 732 bei Tours und Poitiers zum
          Sieg über die nach Mitteleuropa drängenden Araber. Damit wurde er zum
          Verteidiger des christlichen Abendlandes gegen den Islam.

          Skanderbeg: Der albanische Fürst (1405-1468) wurde durch seinen 25
          Jahre dauernden Kampf gegen die Osmanen in ganz Europa berühmt.

          Marcantonio Bragadin: Der venezianische Offizier leistete erbitterten
          Widerstand gegen die Eroberung Zyperns durch die Osmanen. Er starb
          1571.

          Sebastiano Venier: Als Oberbefehlshaber führte er die venezianische
          Flotte mit deren Verbündeten in der Seeschlacht bei Lepanto (1571)
          zum entscheidenden Sieg über die Türken.

          Bohemund von Antiocha: Der Fürst war im 11. Jahrhundert Anführer des
          ersten christlichen Kreuzugs zur Eroberung Jerusalems.

          „Vienna 1683“: Das Osmanische Reich wollte 1683 Wien einnehmen.
          Österreichische Truppen und ihre Verbündeten schafften es aber nach
          der Schlacht am Kahlenberg, die türkischen Verbände zurückzudrängen.

          „14“: Die Zahl verweist auf den Slogan „14 words“ (14 Wörter). Hinter
          der Chiffre verbergen weiße Rassisten ihren Glaubenssatz, in dem sie
          eine florierende Zukunft für ihre Kinder fordern.

          „Shipka pass“: Im Russisch-Osmanischen Krieg gab es zwischen 1877 und
          1878 mehrere Schlachten am Schipkapass auf dem Balkan. Am Ende
          unterwarfen sich die türkischen Truppen.

          „Rotherham“: Über Jahre wurden in dem englischen Ort massenhaft
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          Täter waren Männer pakistanischer Abstammung. (dpa)

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