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Chirac-Rede : Frankreich in der „Sinnkrise“

  • Aktualisiert am

Chirac: „Entschieden, gerecht und treu den Werten Frankreichs” Bild: REUTERS

Frankreichs Präsident sieht hinter den Vorstadt-Krawallen eine „Sinn- und Identitätskrise“. Die „Verschiedenheit“ der französischen Gesellschaft sei eine ihrer Stärken, doch: „Wir bauen nichts Dauerhaftes auf, wenn wir nicht das Gift der Diskriminierung bekämpfen.“

          Der französische Präsident Jacques Chirac sieht hinter den Vorstadt-Krawallen eine „Sinnkrise“. Es handle sich um „eine Sinnkrise, eine Orientierungskrise, eine Identitätskrise“, sagte Chirac am Montag abend in seiner ersten Fernsehansprache seit dem Beginn der Unruhen vor mehr als zwei Wochen.

          Bei den „Ereignissen“ hätten junge Menschen in ihren eigenen Vierteln Fahrzeuge ihrer Nachbarn, Schulen oder Turnhallen angezündet. Durch Gewalt könne aber kein Problem gelöst werden, betonte Chirac und kündigte an, alle Gewalttäter würden bestraft. Der Staat werde auf Gewalt weiter „entschieden, gerecht und treu den Werten Frankreichs“ antworten. „Wir bauen nichts Dauerhaftes auf, wenn wir nicht das Gift der Diskriminierung bekämpfen“, sagte Chirac.

          „Die Kinder brauchen Werte, Orientierungspunkte“

          Angesichts der anhaltenden Unruhen hat die französische Regierung die Verlängerung des Ausnahmezustands um drei Monate beschlossen. Die Nationalversammlung soll bereits am Dienstag über diesen Antrag beraten. Mit einer Zustimmung wurde in Paris fest gerechnet. Die Verlängerung begründete Chirac in seiner Rede damit, zunächst müsse die Ordnung wiederhergestellt werden. „Die Kinder und die Heranwachsenden brauchen Werte, Orientierungspunkte“, sagte Chirac. Dafür sei die Autorität der Eltern wesentlich. Familien müßten sich ihrer Verantwortung stellen. Verweigerten sie dies, müßten sie bestraft werden, wie das Gesetz es vorsehe - brauchten sie hingegen Hilfe, müßten sie aktiv unterstützt werden. Chirac kündigte die Gründung eines freiwilligen „Bürgerdienstes“ an, den im Jahr 2007 insgesamt 50.000 junge Menschen leisten könnten. Dieser Dienst solle vor allem jungen Leuten mit Problemen beim Übergang ins Berufsleben helfen. Alle Betroffenen seien „Söhne und Töchter der Republik“.

          Brandanschlag am vergangenen Wochenende

          Das französische Modell der Integration stehe auf dem Spiel, sagte Chirac mit Blick auf die vor allem in den Einwanderervierteln verübten Gewaltakte. Der Staatchef rief zum Kampf gegen Rassismus, Intoleranz oder Diskriminierung auf: „Tief greifende Veränderungen sind nur durch das persönliche Engagement des Einzelnen möglich“, sagte Chirac. Die „Verschiedenheit“ der französischen Gesellschaft sei eine der Stärken der „großen Nation“ Frankreich, sagte Chirac und sprach sich zugleich gegen jegliches Quotensystem oder andere Formen der Ungleichbehandlung aus. Der Staatspräsident kündigte eine Reihe von Konsultationen zur Krise unter anderem mit den Sozialpartnern an.

          Erste Schadensbilanz

          Allein bei den Ausschreitungen in der Nacht zum Montag gingen landesweit 284 Autos in Flammen auf, 90 weniger als am Vortag, wie das Innenministerium mitteilte. 112 Randalierer wurden von der Polizei festgenommen. Der französische Verband der Versicherer (FFSA) veröffentlichte unterdessen eine erste Schadensbilanz. Demnach entstanden bei den Krawallen Schäden im Wert von vermutlich 200 Millionen Euro, davon 20 Millionen für niedergebrannte Autos. Die meisten Zwischenfälle gab es in der Nacht zum Montag wieder außerhalb des Großraums Paris. Im südfranzösischen Toulouse wurde eine Vorschule Ziel eines Anschlags. In Halluin in Nordfrankreich brannte eine Schule, in Faches Thumesnil eine Sporthalle. Im Département Rhône steckten Randalierer gut 20 Autos in Brand.

          Die französische Regierung äußerte sich besorgt über die Berichterstattung über die Unruhen in ausländischen Medien. Hier sei sogar schon von einem Bürgerkrieg oder einer „französischen Intifadah“ die Rede gewesen, kritisierte Regierungssprecher Jean-Francois Cope vor ausländischen Journalisten in Paris. Dies stimme jedoch nicht mit der Realität überein.

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