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Chinesische Studenten : Der Traum von Amerika verblasst

Campus der Yale-Universität in New Haven/Connecticut (Archivbild aus dem Jahr 2009) Bild: Reuters

Seit 40 Jahren pilgern chinesische Studenten an amerikanische Universitäten. Inzwischen bleiben viele lieber daheim. Andere tauschen sich in Selbsthilfegruppen aus.

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          Im Dezember 1978 bestiegen 52 chinesische Austauschstudenten ein Flugzeug in Richtung Amerika. Sie wurden zu Pionieren einer Massenbewegung. Damals hatten die Volksrepublik China und die Vereinigten Staaten gerade erst diplomatische Beziehungen zueinander aufgenommen. „Statt ein paar Handvoll Studenten sollten wir Tausende schicken“, sagte Chinas Führer Deng Xiaoping. Seither hat der Traum vom Studium in Amerika jede weitere chinesische Studentengeneration begleitet und sie zu einem wichtigen Bindeglied zwischen beiden Gesellschaften werden lassen. Knapp sechs Millionen Chinesen haben seit 1978 in Amerika studiert. Im vergangenen Jahr stieg die Zahl der aktiven Studenten auf einen Rekordwert von mehr als 360.000. Aus keinem anderen Land der Welt kamen mehr.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Doch der Traum von Amerika hat Risse bekommen, seit die dortigen Universitäten in den geostrategischen Konflikt zwischen beiden Ländern hineingezogen werden. Das sieht man an Leuten wie dem 24 Jahre alten Jagger, der nur seinen Spitznamen nennen will. Er hatte genaue Vorstellungen, wie seine Karriere verlaufen sollte. Im vergangenen Jahr begann er ein Masterstudium in Computertechnik an der Columbia-Universität. Nach dem Abschluss 2021 wollte er bei einem der großen amerikanischen Technologieunternehmen anheuern. Am liebsten bei Google oder Facebook. Doch nun hat er sich umentschieden: „Ich will lieber chinesische Unternehmen bei ihrer Entwicklung unterstützen“. Gründe sind die Coronakrise und der Technologiekrieg zwischen China und Amerika. Nach seinem ersten Jahr an der Columbia war er im Mai für die Semesterferien nach Hause geflogen. Seine Eltern wollen nicht, dass er in die Vereinigten Staaten zurückkehrt. „Sie halten die Vereinigten Staaten im Moment nicht für sicher, wegen des Virus und wegen Trump“, sagt Jagger. Es sei unvorhersehbar, welche Regeln der Präsident als nächstes gegen China erlasse. „Wir ziehen eine stabile Umgebung vor.“ Schließlich kostet das Studium Zehntausende Dollar im Jahr.

          „Nicht so frei, wie ich es mir vorgestellt habe“

          Jaggers Blick auf Amerika hat sich verändert. „Die Vereinigten Staaten sind nicht so frei, wie ich es mir vorgestellt habe.“ Besonders die Methoden, mit denen die Videoplattform Tiktok zum Verkauf ihres Amerikageschäfts gezwungen worden ist, haben den IT-Studenten geärgert. Entsetzt ist er auch über Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, dem er vorwirft, aus Eigeninteresse in Washington Stimmung gegen den Konkurrenten Tiktok gemacht zu haben. Deshalb kann Jagger sich nun nicht mehr vorstellen, für Facebook zu arbeiten. Die ganze Episode hat in ihm ein neues Nationalgefühl geweckt. „Man wird gezwungen, sich für eine Seite zu entscheiden“, sagt Jagger.

          Das WeChat-Verbot vom Freitag dürfte dieses Gefühl noch verstärkt haben – ebenso wie diese Maßnahmen: Vor einigen Tagen hatte die amerikanische Regierung mehr als tausend chinesischen Studenten und Forschern die Visa entzogen. Sie wurden verdächtigt, Verbindungen zum chinesischen Militär zu unterhalten. Eine Sprecherin des State Department sagte, Studenten, „die nicht das Streben der Kommunistischen Parteien Chinas nach militärischer Dominanz unterstützen“, seien weiterhin willkommen.

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          Schon im Juli hatte die amerikanische Regierung für Verunsicherung gesorgt, als sie verkündete, dass ausländische Studenten ihr Aufenthaltsrecht verlieren würden, wenn ihre Kurse nur Online stattfänden. Nach einem Aufschrei der Universitäten wurde die Maßnahme wieder zurückgenommen, schließlich sind ausländische Studenten ein erheblicher Wirtschaftsfaktor.

          Irritiert sind viele Studenten auch von einem Gesetzentwurf, der chinesische Studenten von bestimmten Hochtechnologie-Fächern fernhalten soll. Kritiker des Entwurfs weisen darauf hin, dass laut einer Studie der National Science Foundation 90 Prozent der chinesischen Auslandsstudenten, die Mint-Fächer studieren, zehn Jahre nach dem Abschluss noch immer in Amerika arbeiten, so dass ihr Wissen der amerikanischen Wirtschaft zugutekomme.

          Studenten vermehrt bei der Ausreise vom FBI befragt

          Seit einigen Monaten werden Studenten solcher Fachrichtungen vermehrt bei der Ausreise vom FBI befragt und ihre technischen Geräte untersucht oder konfisziert. Aus diesem Grund hatte Jagger schon im vergangenen Jahr seine Studienrichtung von Elektroingenieurwesen auf Softwareprogrammierung gewechselt.

          In zahlreichen Selbsthilfegruppen tauschen chinesische Studenten sich darüber aus, wie sie dem Argwohn amerikanischer Konsularbeamter begegnen sollen. „Du musst argumentieren, dass diese Vorverurteilung nicht dem freiheitlichen Geist der amerikanischen Wissenschaft entspricht”, sagt einer, der Künstliche Intelligenz studiert. Ein anderer widerspricht: „Es ist besser wenig zu sprechen und vorzugeben, dass du gar nichts mit Künstlicher Intelligenz zu tun hast.“

          Sehr viele chinesische Studenten werden ihre Studienplätze in Amerika in diesem Jahr nicht antreten. Die meisten haben die Entscheidung auf das kommende Jahr vertagt. „Das gilt für 40 Prozent unserer Kunden“, sagt Guo Yujia vom Beratungsunternehmen Dreambig Career. „Die Spannungen spielen auf jeden Fall eine Rolle, sie haben einen mentalen Effekt“, sagt der Manager. 

          Auch die 23 Jahre alte Alex hat ihre Pläne für ein Amerikastudium auf Eis gelegt. „Um ehrlich zu sein, war ich verzweifelt“, sagt die Tochter zweier Ärzte aus der Provinz Gansu. Sie hatte eine Zusage der Universität in Washington für einen Master in Business Administration. Doch die wochenlange Unsicherheit über Einschränkungen für chinesische Studenten wegen Politik und Corona gaben ihr ein Gefühl der Machtlosigkeit. Hinzu kommt: „Viele Leute in China denken jetzt, wer in Amerika studiert, ist ein Verräter.“ Zugleich fürchte sie Diskriminierung in Amerika. „Ich will nicht kämpfen, ich will nur friedlich studieren.“ Sie sagte Washington ab und schaut sich nun nach Alternativen um: in Paris und Singapur.

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