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Chinesisch-japanischer Inselstreit : Wie vor hundert Jahren

  • -Aktualisiert am

China will den Streit mit Japan um Inseln und Seegebiete nach Großmachtart lösen - ein Rückfall in längst überwunden geglaubte Zeiten.

          3 Min.

          Helmut Schmidt mag es nicht, wenn jemand im Westen China kritisiert. Bemerkenswert ist seine Begründung dafür. China tue doch nur das, was Großbritannien und andere Mächte vor hundert Jahren auch getan hätten. Wir haben aber inzwischen gelernt, dass das, was Großbritannien und andere Mächte vor hundert Jahren taten, Imperialismus war und deshalb schlecht. Weshalb also - vorausgesetzt natürlich, Schmidt hat recht mit seiner Einschätzung chinesischen Handelns - soll man dann China nicht kritisieren dürfen?

          Gegenwärtig wird China im Westen heftig kritisiert. Es hat sich mit Japan, aber auch mit anderen Staaten in Asien in einen Streit um Inseln und Seegebiete verbissen. Im Disput mit Japan verschärfte sich der Ton deutlich. China hat dem Nachbarn sogar mit Wirtschaftskrieg gedroht und die Frage gestellt, ob Japan sich das leisten könne und wolle.

          Eine Lösung dieses Konflikts ist dringend notwendig. Aber das setzt voraus, dass beide Seiten dazu bereit sind. Es ist allerdings wenig erbaulich, was aus beiden Ländern zu hören ist. Alte Vorurteile nach dem Motto „Die sind eben so“ kommen wieder hoch, weil die jeweils andere Seite diese eindrucksvoll zu bestätigen scheint.

          Während sich die Öffentlichkeit in beiden Ländern gleichermaßen unversöhnlich gibt, sieht es bei Verlautbarungen der Regierungen etwas anders aus. Japan hat für seine Expansionsphase 1945 mit einer blutigen Niederlage bitter bezahlt. Entsprechend ruhig versucht die Regierung zu bleiben, was in Zeiten eines beginnenden Wahlkampfes nicht immer leicht ist. China hingegen hat zwar im 19. und 20. Jahrhundert von der Hand ausländischer Mächte vieles erleiden müssen. Aber das hält das Land auch im Bereich der Außenpolitik nicht davon ab, die Methoden anderer anzuwenden, wie sehr diese auch diskreditiert sein mögen. Zur „klassischen“ Großmachtpolitik gehört das Ausweiten der eigenen Einflusssphäre. Zudem hört die chinesische Regierung beinahe täglich aus aller Welt, das Land sei „der“ Aufsteiger des 21. Jahrhunderts. Man sollte sich also nicht wundern, wenn der Glaube daran in Peking allmählich Wurzeln schlägt. Wenn es China mit dem „klassischen“ Politikansatz übertreibt - und das ist leider nicht auszuschließen -, dann wäre das in der Tat ein Rückfall in längst überwunden geglaubte Zeiten.

          Mehr denn je ist jetzt politische Vernunft gefragt. Dass die chinesische Führung über sie verfügt, zeigt sich im Falle Taiwans. Es handelt sich dabei zwar auch angeblich um eine „Herzensangelegenheit“ Pekings. Aber abgesehen davon, dass die Taiwaner keine Sehnsucht nach Eingemeindung haben, akzeptiert Peking bis auf weiteres den Status quo.

          Man fragt sich also, wieso das im Falle des Streits um die Inseln im Ostchinesischen Meer nicht gehen soll. Die chinesische Haltung nährt den Verdacht, dass es schlicht um Expansion geht. Allerdings stimmt es auch, dass viele Demonstranten in China ehrlich empört sind und meinen, nur der sei ein guter Patriot, der gegen den Nachbarn hetze. Am Ende liegt die Verantwortung bei der Regierung. Die hat die Inseln zu einem Streitthema gemacht und sich damit gegenüber der Bevölkerung auch in Zugzwang gebracht.

          Mit ihren lautstarken Ankündigungen hat sie Ressentiments geweckt und geschürt. Wenn nun in Peking doch die Vernunft siegt, wird es der repressionserfahrenen Regierung sicher gelingen, weitere Proteste zu verhindern. Aber das kann eben auch dazu führen, dass das Ansehen „der“ Partei weiter sinkt. Im Inneren zeichnet sie sich durch Korruption aus, mit allem, was dazu gehört. Und nun - so könnten Nationalisten innerhalb und außerhalb der Führung argumentieren - können diese Leute nicht einmal die „Ehre“ des Landes gegen anmaßende Ausländer verteidigen. Wenn sich diese Denkweise durchsetzt, haben Chinas Kommunisten noch ein Problem mehr. Bekanntlich gibt es aber kaum etwas Gefährlicheres als eine autoritäre Führung, die sich in die Ecke gedrängt fühlt.

          Man sollte jetzt nicht gleich die Gefahr eines Krieges an die Wand malen. Es wäre aber der Mühe wert zu versuchen, Chinas Führer aus ihrer Ecke zu holen. Die Vereinigten Staaten werden dabei sicher eine Rolle spielen, obwohl sie hoffentlich in dem Sinne Partei sind, dass sie Japan als Verbündeten begreifen und behandeln. Andere Staaten, darunter die südostasiatische Führungsmacht Indonesien, könnten und sollten versuchen, mit China ins Gespräch zu kommen. Auf keinen Fall darf man China den Gefallen tun, alle Inselkonflikte in Ost- und Südostasien jeweils bilateral „lösen“ zu wollen.

          Vermutlich führt kein Weg an der Erkenntnis vorbei, dass es Konflikte gibt, die mittelfristig nicht zu lösen sind. Es wäre deshalb schon ein großer Fortschritt, wenn die Konfliktparteien sich darauf verständigten, dass man unterschiedlicher Ansicht ist und sich gegenwärtig - leider - nicht einigen kann. Aber bringt das große China diese Größe auf? Das wäre mehr als das, was Großbritannien und viele andere vor hundert Jahren in vergleichbaren Situationen geleistet haben. Dann gäbe es auch weniger Kritik an China.

          Peter Sturm
          Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.

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