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Chinas Impfkampagne : Chinas Aversion gegen Lockerungen

Eine Studentin wird im April 2021 in Wuhan geimpft. Bild: AFP

China impft nun deutlich schneller als zuvor. Aber das Land bleibt bei Einreisen vorsichtig – und hat die Olympischen Winterspiele im Februar im Blick.

          3 Min.

          Wenn China eines gut kann, dann ist das, mit großen Zahlen zu beeindrucken: Die Impfkampagne des Landes hat am Sonntag die symbolische Grenze von einer Milliarde verabreichten Dosen überschritten. Das sind mehr als ein Drittel aller weltweit injizierten Vakzine gegen Covid-19. Blickt man nur auf den Monat Juni, dann ist der Anteil sogar noch höher. Nach offiziellen Angaben wurden in China zuletzt täglich zwischen 18 und 23 Millionen Impfungen durchgeführt, fast jede zweite der Welt.

          Friederike Böge
          Politische Korrespondentin für China, Nordkorea und die Mongolei.

          Mit dem Impfen haben es die Chinesen eilig, mit dem Lockern aber nicht. Das gilt vor allem für das strenge Grenzregime. Jeder Einreisende wird direkt nach der Landung zwei bis drei Wochen in einem Hotelzimmer unter Quarantäne gestellt. In dieser Zeit sind 14 Corona-Tests erforderlich, darunter ein Bluttest. Erleichterungen für Geimpfte sind nicht vorgesehen. In Einzelfällen soll sich eine Impfung für Reisende sogar negativ ausgewirkt haben, weil die daraus resultierenden IgG-Antikörper in ihrem Blut von lokalen Verantwortlichen offenbar als Zeichen einer möglichen Infektion gewertet wurden.

          Einschränkungen ein Hindernis für die Wirtschaft?

          An den strengen Regeln soll sich vorerst nichts ändern. Der stellvertretende Leiter der Seuchenschutzbehörde, Feng Zijian, sagte kürzlich, dass eine Öffnung der Grenzen vor dem zweiten Halbjahr 2022 unwahrscheinlich sei. Ein Mitarbeiter der Nationalen Gesundheitskommission erklärte, es gebe zwar Überlegungen, in ausgewählten Gebieten Lockerungen zu ermöglichen, um deren Auswirkungen zu testen. Voraussetzung dafür sei aber eine Impfabdeckung von 80 Prozent der Bevölkerung. Nach bisherigen Planungen würde dieser Wert erst im nächsten Jahr erreicht. Bis Ende des Jahres sind 70 Prozent geplant.

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          Der Hauptgrund für die Aversion gegen Lockerungen ist die Nulltoleranzpolitik der chinesischen Regierung. Seit mehr als einem Jahr gibt es kaum noch Neuinfektionen. Jeder kleine Ausbruch wird mit drastischen Maßnahmen bekämpft, so wie in diesen Tagen in der Provinz Guangdong. Dort wurden kürzlich Hunderte Flüge gestrichen und ein Wohngebiet abgeriegelt, nachdem sich eine Mitarbeiterin eines Flughafenrestaurants in Shenzhen mit der Delta-Variante infiziert hatte. Zahlreiche Städte in der Provinz haben in den vergangenen Tagen fast ihre gesamte Bevölkerung getestet, nachdem es zu einem Cluster von etwas mehr als hundert Fällen gekommen war.

          Als Maßstab für eine erfolgreiche Präventionspolitik definiert die Regierung nicht niedrige Inzidenzwerte oder die Entlastung des Gesundheitssystems, sondern die Vermeidung jeglicher Neuinfektionen. Staatschef Xi Jinping leitet aus den geringen Infektions- und Todeszahlen im Land eine Überlegenheit des chinesischen Systems ab. Eine neue Corona-Welle könnte sein Erfolgsnarrativ ins Wanken bringen. Abwägungen gegenüber anderen Belangen gibt es, zumindest im öffentlichen Diskurs, nicht. Die strikten Präventionsmaßnahmen scheinen von der Bevölkerung begrüßt zu werden, soweit man das in einem Land ohne Meinungsfreiheit sagen kann. Anstelle von Auslandsreisen machen die Chinesen derzeit Urlaub im eigenen Land.

          Die Winterspiele fest im Blick

          Bei ihrer Zeitplanung hat die chinesische Führung zudem die Olympischen Winterspiele im Blick, die im Februar in Peking und Umgebung stattfinden sollen. Das Prestigeprojekt soll unter keinen Umständen durch neue Ausbrüche gefährdet werden. Im direkten Vergleich mit den Sommerspielen in Japan will man gut abschneiden. Die hohe Priorität der Spiele lässt sich daran ablesen, dass die Bewohner der Austragungsstätten zu den ersten gehörten, die in China geimpft wurden. Eine Einwohnerin der Stadt Chongli sagte der F.A.Z., die Behörden hätten darauf gepocht, dass jeder einzelne Bauer geimpft wird. In Peking, wo die Eröffnungs- und Schlussfeier und einige Wettbewerbe stattfinden sollen, sind inzwischen mehr als 70 Prozent der Bevölkerung doppelt geimpft. Jeder Erwachsene kann sich ohne Termin in einem von Hunderten Zentren impfen lassen.

          Anfangs war die Kampagne nur langsam angelaufen. Der Führung erschien es wichtiger, Vakzine ins Ausland zu exportieren, und die Bevölkerung hatte es nicht eilig, sich impfen zu lassen. Doch vor wenigen Monaten mobilisierte die Kommunistische Partei für die Impfkampagne ihren gesamten Apparat, der bis in jedes Wohngebiet hineinreicht und sich schon bei der Corona-Prävention als wirksames Instrument erwiesen hat. Wenn bis Ende des Jahres eine Impfquote von 70 Prozent erreicht wird, bedeutet das aber wohl noch keine Herdenimmunität. Zumindest im Vergleich mit mRNA-Impfstoffen wie BioNTech und Moderna fällt die Wirksamkeit der chinesischen Impfstoffe geringer aus. Sie schützen zwar wohl gut gegen einen schweren Krankheitsverlauf, aber wohl weniger gut gegen eine Ansteckung oder Weitergabe des Virus.

          Öffentliche Forderungen nach einer Lockerung der Einreisebeschränkungen gibt es nur von westlichen Wirtschaftsverbänden. Deren Umfragen zufolge betrachten ausländische Unternehmen die lange Quarantäne als eines der wichtigsten Hindernisse für ihre Geschäfte. Die Regierung könnte deshalb unter Druck geraten, wenn sich der Reiseverkehr in den Vereinigten Staaten und Europa normalisieren sollte.

          Auch außenpolitisch stellt sich Peking spätestens seit der Europareise Joe Bidens die Frage, wie lange Xi Jinping seine nächste Auslandsreise noch hinauszögern kann, ohne verzagt zu wirken. Selbst hohe Besucher wurden in den vergangenen Monaten nicht in Peking empfangen. Der amerikanische Klimabeauftragte John Kerry zum Beispiel musste sich mit Schanghai begnügen. Die chinesischen Diplomaten, die den ehemaligen Außenminister trafen, wurden anschließend in Quarantäne geschickt.

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