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Desinformation aus China : Aktivisten in den Körpern von Kakerlaken

Eine Fotomontage aus chinesischer Produktion vergleicht die Aktivisten in Hongkong mit Terroristen des IS. „Was ist der Unterschied?“ heißt es im Text. „Die Waffen mögen unterschiedlich sein, das Ergebnis ist das Gleiche.“ Bild: Facebook

Facebook und Twitter decken eine große chinesische Desinformationskampagne auf – im frei zugänglichen Internet. Sie zielt vor allem auf die Demonstranten in Hongkong.

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          Desinformationskampagnen haben in China eine lange Tradition. Aber das, was die Plattformen Twitter und Facebook am Montagabend offenlegten, weist auf ein neues Phänomen hin: eine staatlich orchestrierte Aktion jenseits des chinesischen Internets, in sozialen Netzwerken, die auf dem chinesischen Festland gesperrt sind. Twitter teilte mit: „Wir legen eine bedeutende staatlich gestützte Informationsoperation offen, die sich auf die Situation in Hongkong konzentriert“. Insgesamt seien 936 Nutzerkonten identifiziert und abgeschaltet worden, die „bewusst und gezielt versuchten, Zwietracht in Hongkong zu säen“.

          Friederike Böge
          Politische Korrespondentin für China, Nordkorea und die Mongolei.
          Morten Freidel
          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

          Wie sie das versuchten, zeigte Facebook mit einigen Beispielen. Darunter waren Beiträge, in denen vermummte Hongkonger Aktivisten mit Terroristen des „Islamischen Staates“ verglichen werden. Dazu die Frage: „Was ist der Unterschied?“ Die Antwort darauf lieferte der Beitrag selbst: „Die Waffen mögen unterschiedlich sein, das Ergebnis ist das Gleiche.“ Eine andere Fotomontage stellte Aktivisten in den Körpern von Kakerlaken dar.

          Die Aussagen passen zu denen, die chinesische Staatsmedien in den vergangenen Tagen verbreiteten. Sie hatten etwa den Studentenführer Nathan Law als Kakerlake verunglimpft. Und die Regierung hatte die Protestbewegung ganz offiziell als „dem Terrorismus nah“ bezeichnet. Diesmal allerdings richtete sich die Botschaft an ein anderes Publikum: die Bürger Hongkongs. Denn viele Beiträge sind auf Kantonesisch geschrieben, der Sprache, die in Hongkong gesprochen wird. Zudem sind sie mit chinesischen Langzeichen verfasst, wie sie in Hongkong, aber nach einer Schreibreform nicht mehr auf dem Festland verwendet werden.

          Dem chinesischen Parteiapparat stehen zwar auch andere Kanäle zur Verfügung, durch die er ein Hongkonger Publikum anspricht, staatsnahe Fernsehsender und Zeitungen zum Beispiel. Doch sie erreichen allein Peking-Freunde. Facebook und Twitter sind dagegen überall verbreitet. Beide Lager haben in den vergangenen Wochen in den sozialen Netzwerken ihre Sicht auf den Konflikt verbreitet und die andere Seite harsch attackiert. Auch nationalistisch gesinnte Internetnutzer vom Festland verbreiten ihre Hassparolen gern dort. Doch für staatlich gelenkte Kampagnen im großen Stil gab es bislang keine Beweise.

          Keine Zweifel am Urheber

          Die glauben Facebook und Twitter nun gefunden zu haben. Twitter teilte mit: „Auf der Basis unserer intensiven Untersuchungen haben wir verlässliche Belege, dass dies eine koordinierte staatlich gestützte Operation ist.“ Das Unternehmen verweist auf „große Cluster von Konten, die sich in koordinierter Weise verhalten“. Die Rede ist von 200000 Accounts. Immer wieder jagen Facebook und Twitter falschen Identitäten hinterher, die Desinformation auf ihren Plattformen verbreiten, und manchmal stoßen sie dabei auf koordinierte Kampagnen, wie etwa im vergangenen Jahr, als Hunderte Accounts iranische Propaganda verbreiteten.

          Doch es kommt nur selten vor, dass die Unternehmen die Aktivitäten eindeutig einem staatlichen Akteur zuschreiben können. Zu gut lassen sich im Netz die Spuren verwischen, zu dünn sind oft die gesammelten Beweise, und hinter einem gefälschten Nutzerkonto kann statt eines Staatspropagandisten genauso gut eine Privatperson stecken, die nur staatlicher Propaganda aufgesessen ist. Umso bemerkenswerter ist es, dass sowohl Twitter als auch Facebook in diesem Fall keine Zweifel haben, wer hinter der koordinierten Aktion steckt.

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