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Chinas Drei-Kind-Politik : Die Nationalisierung des Uterus

Eins, zwei oder drei – Schon 2018 ließ eine Briefmarke in China erahnen, dass bald eine Drei-Kind-Politik kommen dürfte. Bild: Picture-Alliance

Peking forciert nun eine Drei-Kind-Politik. Die Führung des Landes will so das Wirtschaftswachstum retten. Doch so leicht dürfte das nicht gehen – denn die chinesischen Frauen haben eigene Pläne.

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          Die Aufhebung der Zwei-Kind-Politik in China hat sich seit langem angekündigt. Im Jahr 2019 gab die chinesische Postbehörde zum „Jahr des Schweins“ eine Briefmarke heraus, auf der eine Schweinefamilie mit drei Ferkeln zu sehen ist. Eingeweihte werteten das damals schon als klares Zeichen, dass Paare künftig drei Kinder haben dürften. Schon die Abschaffung der Ein-Kind-Politik war mit einer Tier-Briefmarke – einer Affenmutter und ihren beiden Jungen – verbildlicht worden.

          Friederike Böge
          Politische Korrespondentin für China, Nordkorea und die Mongolei.

          Am Montag ließ Staats- und Parteichef Xi Jinping die Drei-Kind-Politik schließlich zur offiziellen Politik erklären. Das allein wird aber nicht den gewünschten Effekt haben. Schon die Lockerung der Ein-Kind-Politik zur Zwei-Kinder-Politik im Jahr 2016 konnte den Rückgang der Geburtenrate in China nicht aufhalten. Nach einem kurzen Anstieg ging die Kurve von 2017 an steil bergab. Im vergangenen Jahr wurden sogar nur so wenige Kinder geboren wie zuletzt 1961 nach der großen Hungerkatastrophe, die Maos „Sprung nach vorn“ verursacht hatte.

          Kaum Geschwister, teure Bildung

          Die Parteiführung gestand am Montag zu, dass es mehr braucht, um junge Frauen zum Kinderkriegen zu bewegen. „Es ist nötig, den Mutterschaftsurlaub und die Mutterschaftsversicherung sowie die Steuer-, Wohnraumpolitik zu verbessern und andere unterstützende Maßnahmen zu ergreifen, um die legitimen Rechte und Interessen von arbeitenden Frauen zu schützen“, teilte das Politbüro des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei mit. Konkrete Maßnahmen wurden aber nicht verkündet.

          Von der Ein-Kind- zur Zwei-King-Politik: Ein Kind in den Straßen Shanghais
          Von der Ein-Kind- zur Zwei-King-Politik: Ein Kind in den Straßen Shanghais : Bild: EPA

          Deshalb fielen die meisten Reaktionen auf die neue Drei-Kinder-Politik im Internet skeptisch bis kritisch aus. „Auch eine Acht-Kinder-Politik ändert nichts, solange die finanziellen Rahmenbedingungen nicht verbessert werden“, schrieb Qinfeng, die Nachrichtenchefin von Hongkong TV, im sozialen Netzwerk Weibo. „Alle meine Freunde mit Kindern leben in großer Sorge und haben in ihrem Leben nichts außer ihrer Kinder.“ Eine andere Nutzerin schrieb, „wir wollen finanzielle Anreize, keine leeren Ermutigungen“.

          Aus eins mach zwei, aus zwei mach drei: Chinesische Kinder, wie hier im Disneyland Park in Shanghai, haben selten Geschwister. Das soll sich ändern, geht es nach den Machthabern in Peking.
          Aus eins mach zwei, aus zwei mach drei: Chinesische Kinder, wie hier im Disneyland Park in Shanghai, haben selten Geschwister. Das soll sich ändern, geht es nach den Machthabern in Peking. : Bild: Reuters

          In Umfragen nennen Frauen regelmäßig die hohen Kosten für Kinderbetreuung, Bildung, Wohnraum und Gesundheitsvorsorge als Grund dafür, dass sie nur ein Kind oder gar keine Kinder haben wollen. Der Wettbewerb um die besten Studienplätze beginnt in China schon im Kindergarten, so dass viele Mittelklasse-Familien ihre Kinder in teure Privatkindergärten schicken und im Grundschulalter zu teuren außerschulischen Kursen anmelden. Hinzu kommt eine andere Belastung: Wegen der früheren Ein-Kind-Politik haben die meisten jungen Leute keine Geschwister, mit denen sie sich die Pflege ihrer Eltern im Krankheitsfall teilen können.

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          Viele Internetnutzer störten sich am Montag auch daran, dass die Parteiführung die Familienplanungsbürokratie nicht einfach ganz abschafft. Einer sprach spöttisch von der „Nationalisierung des Uterus“ und fügte hinzu: „Es ist, als würde ihr Arm bis zu deinem Bett reichen. Darin zeigt sich die wahre Überlegenheit.“ Letzteres ist ein sarkastischer Verweis auf die Parole von der angeblichen „Überlegenheit des sozialistischen Systems“, die von Staats- und Parteichef Xi Jinping propagiert wird. Gegen die vollständige Aufhebung der Planungspolitik spricht aus Sicht der Partei die Sorge, dass das Wohlstandsgefälle zwischen Stadt und Land dann weiter zunehmen könnte, weil Familien auf dem Land sich für mehr als drei Kinder entscheiden könnten.

          Junge Frauen aus den urbanen Zentren äußerten ihren Protest am Montag auch in einer nicht repräsentativen Umfrage der Zeitschrift Lifeweek auf Weibo. Sie wollte wissen: „Wie viele Kinder willst du haben?“ 70 Prozent der Teilnehmer antworteten: keine. Die Frage der Vereinbarkeit von Beruf und Familie betrifft in China vor allem Frauen. Elternzeit für Männer gibt es nicht. Die Länge des Erziehungsurlaubs und die Höhe der Ausgleichszahlungen sind je nach Provinz unterschiedlich. In den vergangenen Jahren gab es in Teilen des Landes immer wieder lokale Bemühungen, junge Familien durch Steuervergünstigungen und Zuschüsse für Babynahrung, Mieten und Bildungskosten zu entlasten. Landesweit wurde das aber bisher nicht eingeführt.

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