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Xi besucht Nordkorea : Nicht mehr frisch verliebt

Xi Jinping (links) besucht Kim Jong-un in Nordkorea. Bild: AP

Erstmals seit 14 Jahren besucht ein chinesischer Präsident Nordkorea – doch die Beziehung beider Länder ist immer noch von gegenseitigem Misstrauen geprägt.

          Volle zwanzig Minuten widmeten die chinesischen Abendnachrichten dem Besuch von Staats- und Parteichef Xi Jinping in Nordkorea. Ausführlich wurden Bilder frenetisch jubelnder Menschen am Flughafen von Pjöngjang gezeigt, wo Xi von Machthaber Kim Jong-un empfangen wurde. Von dort fuhren die beiden in einer offenen Limousine durch die Straßen der nordkoreanischen Hauptstadt. Nach den Worten von Kim Jong-un winkten ihnen dabei 250.000 Bürger zu. Zuletzt gab es tonlose Aufnahmen von den Gesprächen der beiden Delegationen: Xi Jinping in väterlicher Pose als Redner und Machthaber, Kim Jong-un als aufmerksamer Zuhörer. Man kann sich ausmalen, dass das nordkoreanische Staatsfernsehen andere Bilder wählen wird.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Über die Inhalte der Gespräche wurde zunächst wenig bekannt. In einem Gastbeitrag für die nordkoreanische Staatszeitung „Rodong Sinmun“ hatte Xi Jinping vage Erwartungen geweckt. China sei bereit, zusammen mit Nordkorea an einem „langfristigen Plan für eine langfristige Stabilität in der Region“ zu arbeiten, schrieb er. Worin dieser Plan bestehen könnte, erwähnte er nicht. Das Staatsfernsehen berichtete später, im Gespräch mit Kim Jong-un habe Xi Jinping mehrfach seine Bereitschaft betont, den politischen Prozess einer Friedenlösung zu unterstützen, während der Nordkoreaner die Rolle Chinas hervorgehoben habe. Ob das nur Floskeln waren, blieb zunächst unklar.

          Mindestens ebenso wichtig wie die Ergebnisse der Gespräche dürfte für den chinesischen Präsidenten ihr Zeitpunkt sein: Wohl nicht zufällig hat er seinen ersten Staatsbesuch in Pjöngjang unmittelbar vor sein geplantes Treffen mit dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump beim G-20-Treffen in Osaka gelegt. In Japan wollen die beiden Staatsführer über einen Ausweg aus dem Handels- und Technologiekonflikt verhandeln. Offenbar will Xi Jinping dabei auch seinen Einfluss in Nordkorea in die Waagschale werfen.

          China als Vorbild für Nordkorea?

          Für den nordkoreanischen Machthaber bietet der hohe Besuch aus dem Nachbarland die Gelegenheit, nach dem gescheiterten Gipfel von Hanoi politisch wieder aktiv zu werden. Kim Jong-un wurde vom chinesischen Staatsfernsehen mit den Worten zitiert, sein Land habe viele Schritte unternommen, um zur Deeskalation des Konflikts mit den Vereinigten Staaten beizutragen. Das sei jedoch „von der relevanten Partei“, also von Washington, nicht entsprechend beantwortet worden. Er sei bereit, „neue Fortschritte“ im Verhandlungsprozess zu unterstützen und sich „in Geduld zu üben“, sagte Kim Jong-un.

          Wie schon in der Vergangenheit bot Xi Jinping sein Land als Modell für Nordkoreas wirtschaftliche Entwicklung an, während Nordkorea – zumindest laut dem chinesischen Staatsfernsehen – seine Bereitschaft erklärte, „von Chinas Erfahrung und Praktiken zu lernen“. Und überhaupt zeigte sich Kim Jong-un „vollkommen einverstanden mit der Analyse und der Vision des Kameraden Generalsekretär“ für den Ausbau der Beziehungen beider Länder. So jedenfalls das chinesische Staatsfernsehen.

          Es ist das erste Mal seit 14 Jahren, dass ein chinesischer Staats- und Parteichef Nordkorea besucht. Zu Beginn der Amtszeit von Kim Jong-un und Xi Jinping waren die Beziehungen beider Länder auf einen Tiefpunkt gesunken. Jahre lang kam kein Treffen der beiden zustande. China war erzürnt über die Atom- und Raketentests, mit denen der junge Machthaber seine politische Machtbasis zu stabilisieren suchte. Noch dazu ließ er seinen Onkel Jang Song-thaek hinrichten, der gute Beziehungen nach Peking unterhielt. Erst nachdem Donald Trump einen Gipfel mit dem nordkoreanischen Machthaber verkündete und China fürchten musste, in dem Konflikt ins Abseits zu geraten, knüpfte Xi Jinping enge Beziehungen nach Pjöngjang und besann sich seiner Rolle als Schutzmacht. Seither hat Kim Jong-un viermal China besucht. Der amerikanische Präsident warf der chinesischen Führung zwischenzeitlich vor, Nordkorea in den Verhandlungen zu einer harten Haltung ermutigt zu haben. Ob es Xi Jinping gelingt, die festgefahrenen Gespräche wieder in Gang zu bringen, bleibt abzuwarten. In Pjöngjang sagte er zumindest, die international Gemeinschaft sei an einer Fortsetzung der Gespräche zwischen Donald Trump und Kim Jong-un interessiert.

          Xi Jinping fand hübsche Worte für die Beziehung der beiden Länder, die noch immer von gegenseitigem Misstrauen geprägt ist. „Nachbarn wünschen einander Gutes, so wie Verliebte es tun“, schreibt er in seinem Gastbeitrag. Wäre es ihm wirklich darum gegangen, die „traditionelle Freundschaft“ zu Pjöngjang zu betonen, hätte er vermutlich einen anderen Termin für seinen ersten Besuch gewählt: den 6. Oktober, an dem sich die der Aufnahme diplomatischer Beziehungen beider Länder zum 70. Mal jährt.

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