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Coronavirus : Vertuschung führt in die Katastrophe

Eine Reisende am Dienstag am Pekinger Westbahnhof Bild: dpa

Angesichts der raschen Ausbreitung des Coronavirus mahnt Chinas Führung zu Transparenz: Peking will beweisen, dass es mit der Krise verantwortungsvoll umgeht. Die Offenheit ist nicht allen geheuer.

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          Die mächtige Kommission für Politik und Recht der Kommunistischen Partei Chinas veröffentlichte am Dienstag einen flammenden Appell zu größtmöglicher Transparenz im Kampf gegen die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus. Sie warnte die Funktionäre im ganzen Land davor, Krankheitsfälle in ihren Verantwortungsbereichen zu vertuschen oder deren Meldung auch nur hinauszuzögern. „Jeder, der die Gesichtswahrung eines Politikers über die Interessen der Bevölkerung stellt, wird als Sünder in die Geschichte eingehen“, schrieb die Kommission im sozialen Netzwerk Weibo. Es gelte, aus den „Fehlern“ des Umgangs mit der Sars-Epidemie zu lernen, der im Jahr 2003 mehr als 700 Menschen weltweit zum Opfer fielen. Damals habe die „ungenügende“ Informationspolitik „der Glaubwürdigkeit der Regierung und der sozialen Stabilität in hohem Maße geschadet“.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Das war, nach chinesischen Maßstäben, ein bemerkenswert offenes Eingeständnis. Nur durch Offenlegung aller Informationen könnten „möglichst viele Menschenleben gerettet“ und das Virus bekämpft werden, schrieb die Kommission weiter. Vertuschung werde hingegen „eine kontrollierbare Naturkatastrophe in eine menschengemachte Katastrophe mit hohen Kosten verwandeln“.

          Möglicherweise war so viel Offenheit nicht jedem im Parteiapparat geheuer. Im Laufe des Tages wurde der Beitrag aus dem Internet gelöscht. Wer auch immer das veranlasst hat, wusste aber, dass der Text zu dem Zeitpunkt längst einer breiten Öffentlichkeit bekannt war. Den angesprochenen Funktionären sowieso. Die Löschaktion lässt erahnen, welch unterschiedliche Kräfte und Interessen im Hintergrund wirken.

          Ein Testfall für Xi Jinping

          Aufrufe zu Transparenz zogen sich wie ein roter Faden durch die Berichterstattung der kontrollierten Medien. All das lässt vermuten, dass von ganz oben die Anweisung ergangen ist: China müsse der Welt diesmal beweisen, dass es mit Gesundheitskrisen verantwortungsvoll umgeht. Die Einhegung des neuen Coronavirus könnte zum Testfall für Staats- und Parteichef Xi Jinping werden, der in den vergangenen Jahren viel Energie darauf verwendet hat, die Verwaltungsstrukturen des Landes zu straffen und zu zentralisieren. In China hat es die Zentralregierung gemeinhin schwer, ihre Politik bis in die letzten Winkel des Landes durchzusetzen. Im Fall der Afrikanischen Schweinepest war es häufig die Furcht vor zusätzlichen Kosten, die lokale Behörden dazu bewog, Fälle nicht zu melden, obwohl die Zentralregierung dies verlangt hatte.

          Dass Peking es ernst meint mit der neuen Informationspolitik, darauf wies am Montag auch eine Personalie hin. Der Vorsitzende eines neuen Expertenrats, der das Gesundheitsministerium im Kampf gegen die Epidemie unterstützen soll, ist ein ausgewiesener Freund des offenen Wortes. Zhong Nanshan, ein international anerkannter Spezialist für Atemwegserkrankungen, hatte sich schon während der Sars-Epidemie nicht den Mund verbieten lassen. Am Montagabend war er es, der die Öffentlichkeit darüber informierte, dass medizinisches Personal, insgesamt 15 Personen, sich bei der Versorgung von Patienten mit dem neuen Virus infiziert habe.

          In diesem Zusammenhang sagte ein anderes Mitglied des Expertenrats am Dienstag, es sei möglich, dass dies auf einen sogenannten Superverbreiter zurückgehe. 14 der 15 Infizierten hätten sich bei demselben Patienten angesteckt, sagte der Mikrobiologe Yuen Kwok-yung von der University of Hong Kong der Zeitschrift „Caixin“.

          Am Dienstag wurde die Zahl der Neuinfektionen in China im Laufe des Tages immer wieder nach oben korrigiert. Im Vergleich zum Montag stieg die Zahl der registrierten Fälle um 86 auf 314. Sechs davon verliefen bisher tödlich. In insgesamt acht Provinzen wurde das Virus nachgewiesen. Die mit Abstand meisten Erkrankten sind aber weiterhin in der Millionenstadt Wuhan zu verzeichnen, wo die Quelle des Ausbruchs vermutet wird.

          Die Öffentlichkeit ist verunsichert

          Die Weltgesundheitsorganisation kündigte für diesen Mittwoch eine Sondersitzung an, in der beraten werden soll, „ob das neuartige Corona-Virus (2019-nCoV) einen öffentlichen Gesundheitsnotstand von internationaler Bedeutung darstellt“. In Peking ist man sich bewusst, dass das Misstrauen in der Region seit der Sars-Krise groß ist. Hongkonger Fachleute für Infektionskrankheiten schätzten am Dienstag aufgrund von Rechenmodellen, dass die tatsächliche Zahl der Infizierten inzwischen bei mehr als 1400 liegen müsste. In der chinesischen Öffentlichkeit macht sich Verunsicherung breit. Im Internet machten Aussagen von Patienten die Runde, die angeblich trotz auffälliger Symptome im Krankenhaus nicht auf das neuartige Coronavirus getestet worden seien.

          Die Frage des richtigen Umgangs mit beunruhigenden Wahrheiten wurde am Dienstag auch im Zusammenhang mit acht Personen diskutiert, die Anfang Januar von der Polizei in Wuhan einbestellt worden waren, weil sie angeblich „Gerüchte“ über die Lungenkrankheit im Internet verbreitet hatten. Ob sie festgenommen oder anderweitig bestraft wurden, ist nicht bekannt. Zwei vielbeachtete Texte, die an die Fälle der acht Personen erinnerten, wurden am Dienstag aus dem Internet gelöscht. Zugleich schaltete sich der Chefredakteur der Parteizeitung „Global Times“ in die Debatte ein. Hu Xijin forderte die Polizei in Wuhan über Weibo auf, ihre Ermittlungen im Lichte der veränderten Sachlage neu zu bewerten. „Ich glaube, unsere Regierung braucht diesen Mut, Fehler ehrlich zu korrigieren.“ Das werde ihre Glaubwürdigkeit und die Unterstützung der Bevölkerung erhöhen.

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