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Hochwasser in China : Tote nach Flutwelle in Zhengzhou

Die überfluteten Straßen der chinesischen Stadt Zhengzhou am Dienstag Bild: AFP

In der chinesischen Millionenstadt Zhengzhou werden Hunderte in der U-Bahn von einer Flutwelle überrascht. Mindestens 25 Menschen sterben. Xi Jinping spricht von einer ernsten Lage.

          2 Min.

          Den Fahrgästen steht das braune Wasser bis zu den Schultern. Viele klammern sich an die Haltegriffe in der U-Bahn. „Ich rufe meine Tante an, damit sie die Polizei ruft“, sagt ein verzweifelt klingender Mann in einem von vielen Videos, die am Dienstagabend die chinesische Öffentlichkeit aufrütteln. In der zentralchinesischen Stadt Zhengzhou stecken zu diesem Zeitpunkt rund 500 Fahrgäste in Waggons der Linie 5 fest. Sie sind von einer Flutwelle überrascht worden, nachdem es in der Hauptstadt der Provinz Henan drei Tage lang so heftig geregnet hat wie sonst im ganzen Jahr. Chinesische Meteorologen sprechen von einer Jahrtausendflut.

          Friederike Böge
          Politische Korrespondentin für China, Nordkorea und die Mongolei.

          Die Fahrgäste müssen vier Stunden in dem immer weiter steigenden Wasser ausharren, bevor sie schließlich befreit werden können. Für manche kommt die Hilfe zu spät. Wie die Behörden am Mittwoch mitteilten, kamen mindestens 25 Menschen ums Leben. Es wurden weitere Opfer befürchtet. In der Provinz Henan, zu der Zhengzhou gehört, waren demnach über eine Million Menschen vom Unwetter betroffen. Im chinesischen Internet kursieren Bilder einer U-Bahnstation, in der zwischen den Geretteten vier Menschen auf dem Boden liegen. Jemand hat ihre Gesichter mit Kleidungsstücken bedeckt.

          Xi äußert sich ungewöhnlich schnell

          Staats- und Parteichef Xi Jinping zeigt sich am Mittwoch alarmiert. Die Situation sei „sehr ernst“, sagt er laut Staatsmedien. Staudämme und Wasserspeicher seien beschädigt. Das Wichtigste sei nun, die Sicherheit und den Besitz der Bürger zu schützen. Die lokalen Verantwortlichen ruft er auf, sich „strikt“ an die Vorgaben der Flut- und Nothilfeverordnungen zu halten. Xi gibt die Anordnung, dass Soldaten bei den Rettungs- und Aufräumarbeiten helfen sollen. Zudem weist er Behörden aller Ebenen an, Vorkehrungen zu treffen, bis hin zur Verhinderung von Seuchen im Hochwassergebiet. Auch die Verarmung von Flutopfern müsse verhindert werden, sagt er. Es ist ungewöhnlich für China, dass sich der Staats- und Parteichef so schnell und umfassend zu einer Katastrophenlage äußert.

          Unterdessen berichten Augenzeugen von den beängstigenden Stunden, die sie in der U-Bahn verbrachten. Drei Stunden, nachdem die U-Bahn steckengeblieben sei, sei der Sauerstoff knapp geworden, sagt ein Mann der Parteizeitung Bingdian Zhoumo. „Viele Leute um mich herum schnappten nach Luft, manche übergaben sich. Es waren auch Kinder dort, schwangere Frauen und alte Leute.“ Die Fahrgäste schlugen die Fenster ein, damit zumindest Luft in den Wagon gelangen konnte. Die Zeitung Nanfang Zhoumo interviewt einen Mann, der seiner feststeckenden Frau zur Hilfe eilte. „Es gab nicht genug Rettungskräfte“, sagt er. Er habe eine Person auf seinem Rücken aus der Gefahrenzone getragen und erst später gemerkt, dass sie bereits tot gewesen sei.

          Fahrzeuge stehen in Zhengzhou in der zentralchinesischen Provinz Henan am Dienstag auf einer überfluteten Straße.
          Fahrzeuge stehen in Zhengzhou in der zentralchinesischen Provinz Henan am Dienstag auf einer überfluteten Straße. : Bild: dpa

          Auch in anderen Teilen von Zehngzhou spielen sich dramatische Szenen ab. Straßenzüge verwandeln sich in Flüsse, die Autos und Menschen mit sich reißen. In einem Außenbezirk werden innerhalb von drei Tagen mehr als 600 Millimeter Niederschlag gemessen, mehr als je zuvor seit Beginn der Messungen. Dort sind viele Häuser vom Einsturz bedroht. Es gibt keinen Strom und kein Trinkwasser. Viele eingeschlossene Bewohner setzen Hilferufe im Internet ab, wo freiwillige Helfer sich koordinieren. Beiträge mit dem Hashtag #Henan-Unwetter-Selbsthilfe werden bis zum Mittag 2,8 Milliarden Mal angesehen. Viele bieten private Unterkünfte oder Fahrdienste an.

          Auch aus den Krankenhäusern kommen Hilferufe. Es mangelt an Lebensmitteln, die in Chinas Krankenhäusern in der Regel von Angehörigen bereitgestellt werden. Es gibt Berichte über Kinder, die seit Dienstag in Kindergärten eingeschlossen sind und auf Hilfe warten. Rettungskräfte haben nach offiziellen Angaben bisher mehr als 100.000 Bewohner in Rettungsunterkünfte gebracht. Der Regen hält an, laut Wettervorhersagen ist erst am Donnerstag mit Erleichterungen zu rechnen. Die 12-Millionen-Einwohnerstadt Zhengzhou liegt unweit des Gelben Flusses. Zahlreiche andere Städte in der Region sind ebenfalls betroffen.

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