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Muslimische Symbole : China geht gegen Minarette vor

Ein Moschee in Xinjiang im Juni 2019 (Symbolbild) Bild: AFP

Peking soll zielgerichtet muslimische Kulturstätten in Xinjiang vernichten. Einem Bericht zufolge wurden in den vergangenen drei Jahren fast 16.000 Gebetshäuser beschädigt oder zerstört. China bestreitet das.

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          Als Außenminister Wang Yi Anfang des Monats in Europa war, nannte er ein paar Zahlen, die Chinas Menschenrechtsverletzungen in Xinjiang widerlegen sollten. Unter anderem ging es dabei um den Vorwurf, dass die chinesischen Behörden im großen Stil Moscheen und Heiligengräber in der muslimisch geprägten Region zerstört hätten. Der Außenminister sagte, in Xinjiang habe es 1978 nur 2000 Moscheen gegeben. Heute seien es 24.000. „Zeigt das religiöse Freiheit oder das Ergebnis einer Zerstörung von Moscheen?“, fragte er in einer Rede vor dem Institut Français des Relations Internationales in Paris. Wang Yi vergaß allerdings zu erwähnen, dass in den Jahren vor 1978 im Zuge der Kulturrevolution fast alle religiösen Stätten in China geschändet wurden. Aussagekräftiger ist also eine Zahl von Anfang der 1950er Jahre. Damals gab es nach offiziellen Angaben 29.500 Moscheen in Xinjiang – deutlich mehr als heute.

          Friederike Böge
          Politische Korrespondentin für China, Nordkorea und die Mongolei.

          Eine Studie des Australian Strategic Policy Institutes liefert nun neue Belege für eine systematische Zerstörung von Kulturstätten in Xinjiang. Auf der Basis eines Vergleichs von aktuellen Satellitenaufnahmen mit Bildern aus dem Jahr 2017 schätzen die Forscher, dass in den vergangenen drei Jahren etwa 8450 Gebetshäuser zerstört und weitere 7550 beschädigt wurden, zum Beispiel durch die Entfernung von Minaretten oder Kuppeln. Bei den Zahlen handelt es sich um eine Hochrechnung einer Satellitenanalyse von 533 Moscheen. Die Forscher stützen sich auf solche Aufnahmen aus der Luft, weil der Zugang für Wissenschaftler und Journalisten in Xinjiang extrem eingeschränkt ist. Menschenrechtler sehen in dem Bericht einen weiteren Beleg dafür, dass die chinesischen Behörden in Xinjiang eine harsche Assimilierungskampagne umsetzten, die darauf ausgelegt sei, die kulturelle und ethnische Identität von Uiguren zu untergraben.

          Der Bericht des Australian Strategic Policy Institutes weist darauf hin, dass es in den Jahren 2012 bis 2016 eine gegenläufige Entwicklung gegeben habe. Damals seien tatsächlich viele Gotteshäuser restauriert worden. Dabei seien auch arabische und islamische Architekturelemente wie Kuppeln und Minarette errichtet worden. Das habe sich nach einer Rede von Staats- und Parteichef Xi Jinping auf einer Religionskonferenz verändert. Damals forderte Xi eine „Sinisierung“ aller Religionsgemeinschaften in China. Das deckt sich mit Erfahrungen in anderen Teilen Chinas. Die Hauptstadt der Provinz Ningxia hat sich noch vor wenigen Jahren als „World Muslim City" vermarktet, um Investoren und Touristen aus der arabischen Welt anzulocken. Doch auch dort wurden nach 2016 alle Gebäude und Symbole entfernt, die arabisch oder islamisch aussahen.

          Ebenfalls auf der Basis von Satellitenaufnahmen hat das Australian Strategic Policy Institute nach eigenen Angaben 380 Gebäudekomplexe identifiziert, die als Umerziehungs-, Internierungslager oder Gefängnisse in Xinjiang dienten. Bei 61 dieser Anlagen seien in der Zeit zwischen Juli 2019 und Juli 2020 weitere Gebäude oder Anbauten errichtet worden. In etwa der Hälfte der Fälle seien die Sicherheitsanlagen verstärkt werden. Denkbar sei, dass es sich um frühere Umerziehungslager handle, die in Gefängnisse umgebaut worden seien. Die Erkenntnisse der Forscher stellen Aussagen der chinesischen Regierung in Frage, wonach alle „Auszubildenden“ in „Fortbildungszentren“, wie China die Umerziehungslager nennt, entlassen worden seien. 

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