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Machtergreifung der Taliban : Chinas Schadenfreude

Die Bilder der hastigen Evakuierung dürfte Peking für sich nutzen: Amerikanische Soldaten machen sich auf den Weg nach Afghanistan. Bild: AP

Peking sieht im Scheitern der Militärintervention in Afghanistan einen Beleg für die schwindende Macht Amerikas – und hofft darauf, dass US-Verbündete wie Taiwan das Vertrauen in Washington verlieren.

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          Der chinesische Propaganda-Apparat konnte sich am Montag die Schadenfreude über den amerikanischen Gesichtsverlust in Afghanistan nicht verkneifen. „Chinesische Internetnutzer machen Witze darüber, dass die Machtübergabe in Afghanistan sogar noch reibungsloser vonstattengeht als die Übergabe der Präsidentschaft in den Vereinigten Staaten“, schrieb der einflussreiche Chefredakteur der Parteizeitung Global Times, Hu Xijin, auf Twitter.

          Friederike Böge
          Politische Korrespondentin für China, Nordkorea und die Mongolei.

          Die Volkszeitung, die offizielle Stimme der Kommunistischen Partei, berief sich ebenfalls auf den angeblichen Volksmund und kommentierte, „die zwanzig Jahre Krieg enden wie ein Witz. Amerikanische Soldaten sind für nichts gestorben. Die Taliban sind zurück und der einzige Unterschied ist, dass viele Menschen gestorben sind und amerikanische Steuerzahler ihr Geld verschwendet haben, indem sie die militärisch-industriellen Tycoons gefüttert haben“. Jene Menschen, die fest an die USA geglaubt hätten, seien „von den Amerikanern wie Müll entsorgt worden“, schrieb die Volkszeitung weiter. Die Global Times nannte die Machtübernahme der Taliban in einem Kommentar „die klarste Demonstration der amerikanischen Kraftlosigkeit“. Das Land sei nicht mehr als ein „Papiertiger“.

          Mehr als nur Propaganda?

          Die Bilder von der hastigen Evakuierung der amerikanischen Botschaft in Kabul passen ins offizielle chinesische Narrativ, wonach „der Osten aufsteigt und der Westen absteigt“. Sie werden wohl in den Kanon der Bilder und Erzählungen aufgenommen, die von Peking seit Monaten verbreitet werden, um die eigene vermeintliche Stärke zu zelebrieren. Etwa die Bilder vom Sturm auf das Weiße Haus und die Statistik der an Corona verstorbenen Amerikaner.

          Hinter den zynischen Kommentaren steckt auch die Hoffnung, dass das Scheitern der amerikanischen Militärintervention in Afghanistan das Vertrauen amerikanischer Bündnispartner in die Sicherheitsgarantien der USA erschüttern könnte. Die Global Times verwies in diesem Zusammenhang auf Taiwan, wo man sich jetzt ernste Sorgen machen müsse. Was im Innern des chinesischen Machtzirkels gedacht wird, weiß niemand. Man muss aber fürchten, dass das Triumphgeheul nicht nur Propaganda ist, sondern dass sich jene Kräfte in Peking bestärkt fühlen, die an einen Niedergang der Supermacht USA glauben. Das erhöht die Gefahr militärischer Abenteuer auf chinesischer Seite.

          Zumindest gibt es Bemühungen, die Machtergreifung der Taliban als Zeitenwende zu definieren. Die nationalistische Nachrichtenwebsite Guancha zitierte den früheren UN-Diplomaten Michael von der Schulenburg mit einer Aussage, die sicher nicht auf China gemünzt war, sich aber durch die Pekinger Brille doch so liest: „Diese Niederlage sollte das Ende einer Ära sein, in der der Westen sich auf einer gottgewollten Mission sah, die Welt als Macht des Guten zu regieren und anderen Ländern ihr westliches politisches System aufzuzwängen. Die Niederlage sollte uns dazu zwingen, fundamental umzudenken, wie der Westen seine Rolle in der Welt definiert, wie wir uns zu Ländern mit anderen politischen Systemen verhalten.“

          Auch China ist ein potentielles Ziel

          Laut der Nachrichtenagentur AFP hat sich China am Montag zu „freundlichen Beziehungen" mit den neuen Machthabern in Afghanistan bereiterklärt. „China respektiert das Recht des afghanischen Volkes, unabhängig sein eigenes Schicksal zu entscheiden und ist bereit, (...) freundliche und kooperative Beziehungen mit Afghanistan" zu unterhalten, erklärte Außenamtssprecherin Hua Chunying demnach am Montag in Peking.

          Bilderstrecke
          Bilder aus Afghanistan : Warnschüsse, Rauchwolken, verzweifelte Menschen

          Dabei ist die Machtübernahme der Taliban wohl nicht das Ergebnis, das China sich erhofft haben dürfte. Der Sieg der Extremisten könnte dem Dschihadismus in der Region neuen Auftrieb geben und womöglich noch mehr ausländische Kämpfer anziehen. Bislang hatten internationale Dschihadisten vor allem die USA und den Westen als Feind im Blick. Doch mit der Ausweitung der Neuen Seidenstraße in Pakistan und Zentralasien exponiert sich China zunehmend. Zuletzt wurden bei einem Terroranschlag auf einen Bus mit Mitarbeitern eines Staudammprojektes in Pakistan neun Chinesen getötet. Vor wenigen Tagen hofierte der chinesische Außenminister Wang Yi zwar die Nummer Zwei der Taliban, Mullah Abdul Ghani Baradar. Doch Peking hatte auf eine Machtteilung in Kabul gesetzt, in der die Taliban Kompromisse machen und sich ideologisch mäßigen müssten.

          Die chinesischen Parteimedien hoben am Montag hervor, dass China entgegen mancher Unkenrufe nicht anstrebe, das Machtvakuum in Afghanistan zu füllen. Nach Einschätzung von Andrew Small vom European Council on Foreign Relations (ECFR) sind die geostrategische Lage Afghanistans und die dort vermuteten Bodenschätze nicht Grund genug für Peking, sich dort massiv zu engagieren. „China sieht Afghanistan nicht als Gelegenheit. Es geht ihm fast ausschließlich um den Umgang mit Gefahren“, sagt Small in einem Interview auf der ECFR-Website. Als größte Gefahr betrachtet China die uigurischen Kämpfer in Afghanistan, von denen es nach UN-Schätzungen einige hundert gibt.

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