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Nach dem Starkregen : Chinas Außenministerium heizt Stimmung gegen BBC-Reporter an

Selbst Bilder von Trauerbekundungen gelten der Regierung als potentiell destabilisierend. Bild: AP

Nach dem Starkregen in der Provinz Henan will China kritische Bilder unterbinden. Sogar an Blumen nimmt die Regierung Anstoß. Ungemütlich wird es für einen BBC-Reporter – und einen deutschen Journalisten.

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          Wenn Journalisten Todesdrohungen bekommen und bei ihrer Arbeit in einem Hochwassergebiet verbal und körperlich angegangen werden, könnte man erwarten, dass eine Regierung sich darüber zumindest besorgt äußert. Das chinesische Außenministerium tat am Donnerstag das Gegenteil. Es gab den Angreifern recht. „Es gibt keinen Hass ohne Grund“, sagte der Sprecher Zhao Lijian und gab damit Mitarbeitern der BBC, der Deutschen Welle und der Los Angeles Times die Schuld daran, dass sie Todesdrohungen erhalten hatten. „Wissen Sie, wie die BBC von vielen chinesischen Internetnutzern genannt wird? Fake News Broadcasting Company“, sagte der Sprecher weiter.

          Friederike Böge
          Politische Korrespondentin für China, Nordkorea und die Mongolei.

          Der Vereinigung der Auslandskorrespondenten in China, die sich „alarmiert“ über die Angriffe geäußert hatte, warf der Sprecher vor, „Fakten zu verdrehen und das Medienumfeld in China zu diskreditieren“. Die Organisation, der auch die beiden China-Korrespondenten dieser Zeitung angehören, sei „von einer Handvoll Journalisten mit Vorurteilen gegen China geschaffen“ worden.

          China lässt Interviews unterbinden

          Zhaos Tirade hat eine Vorgeschichte. Nach dem Starkregen in der Provinz Henan, der mehr als 70 Menschenleben gefordert hat, hatte der BBC-Journalist Robin Brant über den Tod von 14 Fahrgästen in einer U-Bahn in der Provinzhauptstadt Zhengzhou berichtet. Der Bericht wurde mit falschen chinesischen Untertiteln verbreitet, in denen es hieß, die „Leute wurden auf den Bahnsteig geworfen und dem Tod überlassen“.

          Der lokale Ableger der Jugendliga der Kommunistischen Partei rief daraufhin zu einer Kampagne gegen den Reporter auf. Wer immer ihn in Henan sehe, solle ihn filmen und seinen Standort mitteilen. Die Jugendliga in Henan stelle dafür gern ihre medialen Kanäle mit 1,6 Millionen Followern bereit.

          Der Aufruf wurde später gelöscht, zeigte aber Wirkung. Der Deutsche-Welle-Journalist Mathias Bölinger sah sich von einer wütenden Menge umstellt und beschimpft, die ihn für den BBC-Reporter hielt. Ein Video davon verbreitete sich millionenfach im Internet, was Hetzer auf den Plan rief, die zudem die chinesischen Mitarbeiter der beteiligten Medien bedrohten und ihre persönlichen Daten veröffentlichten. Von Parteimedien wurde die Stimmung unter dem Hashtag „Zhengzhous Bürger verlangen von ausländischen Medien wahrheitsgetreue Berichte“ weiter angeheizt, wobei unklar ist, ob es sich bei der Menge, die Bölinger attackierte, wirklich um gewöhnliche Bürger handelte.

          In einem Propagandavideo bezeichnete die Parteizeitung China Daily die Deutsche Welle als „eine von der deutschen Regierung finanzierte internationale Propagandaagentur“. Die Deutsche Welle warf der China Daily daraufhin vor, ausländische Journalisten zu gefährden. In einem Brief an den Chefredakteur der Zeitung, der ebenfalls an das Auswärtige Amt in Berlin verschickt wurde, schrieb Unternehmenssprecher Christoph Jumpelt am Donnerstag: „Ich kann dieses Video nur als Ihren Versuch werten, chinesische Bürger dazu einzuladen, ausländischen Journalisten weiter zu belästigen. Jegliche negative Folge wird Ihre Verantwortung sein.“

          Zhao Lijian, Sprecher des chinesischen Außenministeriums
          Zhao Lijian, Sprecher des chinesischen Außenministeriums : Bild: AP

          Im chinesische Internet gab es neben Hetze auch andere Stimmen. Zum Beispiel diese: „Wenn ihr euch Leuten verweigert, die euch eine Stimme geben, wird euch niemand hören, egal wie laut ihr schreit.“ Es gibt durchaus noch Leute in Henan, die ausländische Medien nutzen, um den Umgang der Regierung mit der Flut zu kritisieren, weil chinesische Medien massiver Zensur unterliegen. Um solche Interviews zu unterbinden, schickten die Bezirksbehörden Mitarbeiter in lokale Geschäfte, „um die Verkäufer davor zu warnen, ausländischen Medien Interviews zu geben“. Eine entsprechende Anweisung wurde von der Website China Digital Times öffentlich gemacht.

          Ein Medienbericht wurde gelöscht

          Der Unmut der Behörden richtet sich freilich auch gegen chinesische Reporter. Ein Mitarbeiter der Zeitschrift Caixin wurde zwischenzeitlich von der Polizei in Gewahrsam genommen, weil er Hunderte von Blumensträußen fotografiert hatte, die Trauernde zum Gedenken an die Opfer vor einer U-Bahn-Station abgelegt hatten.

          Solche Trauerbekundungen gelten der Regierung als potentiell destabilisierend, weshalb die Behörden die Blumen zunächst hinter einer Absperrung verbargen, die von verärgerten Bürgern entfernt wurde. Ein junger Mann, der die Blumen mit einer Drohne filmte, wurde von Polizisten in Zivil übel zugerichtet. Ein chinesischer Medienbericht über die dramatischen Zustände im überfluteten Dorf Wangzongdian wurde aus dem Internet gelöscht. Ebenso wie Stimmen, die kritisierten, dass Dorfkader dem Parteichef der Provinz bei einem Besuch falsche Tatsachen vorgespiegelt hätten.

          Derlei Kritiker werden seit dem Ausbruch der Pandemie in Wuhan immer häufiger von Nationalisten als Handlanger des Westens diffamiert, und ihnen wird gesagt, dass ihre Äußerungen von westlichen Medien aufgegriffen würden. Parallel dazu betreibt die chinesische Regierung seit Monaten eine Diffamierungskampagne gegen westliche Medien. An der BBC wird ein Exempel statuiert.

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