https://www.faz.net/-gpf-9hrlq

China lässt Muslime umerziehen : Nähkurs gegen die falsche Gesinnung

Die chinesische Regierung will die Muslime im Nordwesten des Landes in Lagern umerziehen – laut der offiziellen Sprachregelung sind sie Nutznießer eines „kostenlosen Berufsbildungsprogramms“. Bild: Human Rights Watch

Es gibt immer mehr Hinweise, dass muslimische Insassen von Umerziehungslagern in China Zwangsarbeit leisten müssen. Der Staat spricht von „Fortbildung“ – Angehörige berichten jedoch von unfreiwilliger Arbeit in Textilfabriken.

          Fortbildungszentren. So nennt die chinesische Regierung die Umerziehungslager in Xinjiang, in denen Schätzungen zufolge bis zu eine Million Muslime festgehalten werden. Diese Bezeichnung könnte nun eine neue Bedeutung erlangen. Denn nach Recherchen der „New York Times“ und der „Financial Times“ gibt es Hinweise, dass manche Insassen in den Lagern oder in nahe gelegenen Fabriken Zwangsarbeit leisten müssen.  

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Zu solchen Hinweisen zählt zum Beispiel ein offizielles Dokument der Distriktregierung von Kashgar, in dem im August das Ziel ausgegeben wurde, 100.000 Insassen, die die „Fortbildungen“ erfolgreich durchlaufen hätten, in Fabriken unterzubringen. Ähnlich hatte sich der Regierungschef der Region Xinjiang, Shohkrat Zakir in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Xinhua im Oktober geäußert: Er sagte, Ende dieses Jahres würden einige der „Auszubildenden“ ihre „Fortbildung“ abschließen. Die Regierung sei dabei, Arbeitsplätze für sie zu schaffen und Firmen anzuwerben, die gemäß den „Fähigkeiten der Auszubildenden“ Investitionen tätigen sollten.  

          Die Frage aber ist: Können die Betroffenen ihren Arbeitsplatz frei wählen? Dürfen sie nach der Arbeit nach Hause gehen? Und verdienen sie marktübliche Gehälter? Die „Financial Times“ hat mit Angehörigen von sechs Lagerinsassen gesprochen, die nach deren Angaben in Textilfabriken arbeiten. Sie alle werden demnach gegen ihren Willen festgehalten. Manchmal dürften sie Besuch von Verwandten erhalten oder mit ihnen telefonieren. Die Gespräche würden jedoch überwacht, so dass es kaum möglich sei, offen zu sprechen. In einem Fall ist die Rede von einem Monatsgehalt von umgerechnet 83 Euro, in einem anderen Fall von Arbeit ohne Bezahlung.

          Immer mehr Fabriken auf dem Gelände von Umerziehungslagern

          Diese Angehörigen von Betroffenen leben in Kasachstan. In China sind solche Interviews kaum möglich, da Journalisten in Xinjiang auf Schritt und Tritt überwacht werden und Gesprächspartner Repressionen fürchten müssten. Die „New York Times“ zitiert den in der Türkei ansässigen Zentralasien-Forscher Mehmet Volkan Kasikci mit ähnlichen Aussagen. Auch er hat außerhalb Chinas mit Angehörigen von Insassen gesprochen, die in Textilfabriken arbeiten. Bestätigt wird dies von der kasachischen Organisation Atajurt Kazakh Human Rights, die ebenfalls über solche Fabriken berichtet.

          Auf Satellitenbildern lässt sich erkennen, das manche der Fabriken auf dem Gelände von Umerziehungslagern errichtet wurden. Die „New York Times“ hat zudem herausgefunden, dass einige Unternehmen in diesem Jahr im Firmenregister aufgenommen wurden, die als ihren Sitz die Adresse eines Umerziehungslagers angegeben haben. Darunter sind laut der Zeitung eine Druckerei, eine Nudelfabrik und mehrere Textilfabriken.

          In Berichten der chinesischen Staatsmedien wird dieser Trend bestätigt. So heißt es offiziell über ein Lager im Distrikt Yutian, dort seien acht Produktionsstätten angegliedert, darunter eine Schuhfabrik, eine Montagestation für Mobiltelefone und eine Teepackstation. Der Bericht beziffert das Grundgehalt der Arbeiter aber auf umgerechnet rund 200 Euro.

          Die „New York Times“ zitiert zudem aus einer Rede des Textilverbandspräsidenten Su Ruizhe, der bereits im März sagte, die Regierung von Xinjiang plane die Zahl der Arbeitskräfte in der Textilindustrie in diesem Jahr auf 100.000 zu erhöhen und wolle dabei auch auf Lagerinsassen zurückgreifen. Deren Ausbildung „könnte mit der Entwicklung des Textilsektors verbunden werden“. Einem Regierungsdokument zufolge erhalten Unternehmen, die sich an der Ausbildung der Lagerinsassen beteiligten, Zuschüsse.  

          Arbeitslager sind nicht neu in China. Das System der „Umerziehung durch Arbeit“ (Laojiao) wurde jedoch vor fünf Jahren offiziell abgeschafft. Bis dahin konnten Polizeidienststellen Menschen ohne richterlichen Beschluss bis zu drei Jahre festhalten. Offiziell richtete sich die Strafe gegen mindere Vergehen wie Prostitution, Diebstahl und Drogenbesitz. Sie wurde aber auch immer wieder gegen politisch Andersdenkende eingesetzt, so etwa im Jahr 1999 gegen mehr als zehntausend Falun-Gong-Anhänger.

          Weitere Themen

          AKK stellt sich vor ihre Soldaten: „Kein Generalverdacht“

          Erstes Zeitungsinterview : AKK stellt sich vor ihre Soldaten: „Kein Generalverdacht“

          In ihrem ersten Zeitungsinterview als Verteidigungsministerin spricht Annegret Kramp-Karrenbauer über ihr Verhältnis zum Militär, über das Vermächtnis der Männer des 20. Juli und über den Lieblingspulli ihrer Teenagerzeit. Auch in kritischen Zeiten werde die Truppe ihr Vertrauen genießen.

          Syrischer Flüchtling kehrt heim Video-Seite öffnen

          Von Berlin in den Krieg : Syrischer Flüchtling kehrt heim

          2015 kam Mohammed al-Naimi über die Balkanroute nach Deutschland, der junge Syrer baute sich in Deutschland ein neues Leben auf. Doch der Krieg in seiner Heimat ließ ihn nicht los, gegen der Rat seiner Familie kehrte er zurück und schloss sich einer ehemals von Amerika unterstützten Widerstandsgruppe an.

          Gegen die Zombies

          FAZ Plus Artikel: Erbe der Sowjetunion : Gegen die Zombies

          Wo früher die Sowjetunion war, herrschen heute oft Diktatoren, alte Seilschaften und Korruption. Immer mehr junge Leute, denen die eingeimpfte, angstvolle Einordnung ins Kollektiv fremd ist, wollen einen anderen Weg gehen.

          Topmeldungen

          Der britische Justizminister David Gauke

          Wegen Johnson : Britischer Justizminister kündigt Rücktritt an

          Sollte Boris Johnson Premierminister werden, will David Gauke sein Amt niederlegen. Ein No-Deal-Brexit, wie ihn Johnson verfolge, bedeute seiner Meinung nach eine nationale „Demütigung“, die er nicht unterstützen könne.
          Feierliches Rekrutengelöbnis und Gedenken an den Widerstand gegen das NS-Regime

          Wegen Sicherheitsbedenken : Bundeswehr weist extremistische Bewerber ab

          Seit 2017 wird jeder potentielle Neusoldat durchleuchtet. Von mehr als 43.000 Bewerbern sind bisher 63 abgelehnt worden, darunter Neonazis, Islamisten und andere „Gewaltbereite“. Es gibt eine Vermutung, warum es nicht mehr sind.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.