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Merkel in China : Wo die Kameras alles sehen

Wunder der Technik: Merkel steht am Freitag vor einem Spiegel des Unternehmens „iCarbonX“, der Gesundheitsdaten anzeigen kann. Bild: EPA

Merkel besucht die hochmoderne chinesische Stadt Shenzhen, in der alles möglich zu sein scheint. Sie mahnt, Deutschland dürfe den Anschluss bei der Digitalisierung nicht verlieren. Einen Punkt könnte sie jedoch kritisch sehen.

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          Viel Zeit für ausführliche Studien bleibt auf Kanzlerreisen nicht. Am Freitag waren es daher nur kurze Abstecher, die Angela Merkel vor ihrer Rückreise nach Berlin bei zwei Unternehmen in der südchinesischen Stadt Shenzhen machte. Der erste galt der Firma Siemens, die an diesem Standort seit dem Jahr 2002 Geräte für die Gesundheitsdiagnostik produziert, vor allem für die Magnetresonanztomographie, besser bekannt als MRT. Durch solche Besuche jenseits von Peking versuche sie, „ein breiteres Bild“ von China zu bekommen, äußerte die Kanzlerin, als sie nach etwa einer Stunde schon wieder gehen musste.

          Eckart Lohse

          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Anschließend schaute Merkel für eine ähnlich kurze Zeit bei dem chinesischen Start-up-Unternehmen „iCarbonX“ vorbei. Es entwickelt mit Hilfe von Big Data und Künstlicher Intelligenz eine Plattform zur Gesundheitsförderung.

          In Zusammenarbeit mit Krankenhäusern und Fitnessclubs werden Gesundheitsdaten wie Herzfrequenzen, Schlafverhalten, Blutwerte oder DNA gesammelt, um besser Vorhersagen über die gesundheitliche Entwicklung der überprüften Menschen treffen zu können. Mehrere hundert, an renommierten Universitäten Chinas oder Amerikas ausgebildete Mitarbeiter sind hier beschäftigt, nach einer ersten Finanzierungsrunde kann das junge Unternehmen schon auf einen Etat von mehr als einer Milliarde amerikanischer Dollar zurückgreifen.

          Weltmarktführer ist kein Selbstläufer

          So kurz wie die Besuche bei den beiden Unternehmen war auch Merkels Kommentar vor den Kameras. Er hatte es gleichwohl in sich. Deutschland müsse sich „sehr strategisch“ mit den Herausforderungen der Digitalisierung befassen. In dieser Hinsicht müsse auch die Zusammenarbeit mit China „auf ganz neue Füße“ gestellt werden. Einige deutsche Firmen seien zwar noch führend auf dem Weltmarkt, sagte sie in den Räumen des Siemens-Standorts. So eine Position müsse aber jeden Tag neu erarbeitet werden.

          Shenzhen symbolisiert denjenigen Teil Chinas, der auch auf die Bundeskanzlerin eine gewisse Faszination auszuüben scheint, weil die finanziellen und technischen Möglichkeiten, nach vorne zu preschen, zumindest von außen betrachtet annähernd grenzenlos erscheinen.

          Vom Fischerdorf zur 21-Millionen-Stadt

          Das Stöhnen über die Einschränkungen in Deutschland, die durch Gesetze, Bürokratie und begrenzte Haushaltsmittel der Entwicklung neuer Technologien entstehen, war besonders laut, wenn auf der Merkel-Reise von Shenzhen die Rede war.

          In der Stadt, deren Namen übersetzt so viel wie „tiefer Bewässerungsgraben“ bedeutet, kündigte Deng Xiaoping vor vier Jahrzehnten die chinesische Reform- und Öffnungspolitik an, die die Grundlage für eine beispiellose wirtschaftliche Entwicklung legte. Für diese Öffnung stehe die Stadt, sagte die Bundeskanzlerin. Shenzhen ist eine der sehr erfolgreichen Sonderwirtschaftszonen, die Anfang der achtziger Jahre eingerichtet worden waren. Inzwischen macht der Hochtechnologiestandort sogar Hongkong wirtschaftlich ernste Konkurrenz. Innerhalb von vierzig Jahren wuchs er vom Fischerdorf zu einer 21-Millionen-Stadt.

          Flächendeckende Gesichtserkennung

          Noch etwas konnte der Gast aus Deutschland in Shenzhen erfahren. Es ist die erste Stadt, von der es heißt, sie sei flächendeckend mit Gesichtserkennungskameras ausgerüstet. So können die Bewohner angeblich vollständig kontrolliert werden. Zu hören ist, die Verbrechensrate sei enorm gesunken in Shenzhen, die Stadt sei nun eine der sichersten der Welt.

          Auf Erfolge in der Verbrechensbekämpfung verweist die chinesische Regierung regelmäßig, um in der Bevölkerung für Zustimmung für die Überwachung zu werben. Mit Erfolg. Eine kritische Debatte gibt es in China dazu nicht. Aber wer weiß: Vielleicht hat Angela Merkel, die die ersten dreieinhalb Jahrzehnte ihres Lebens in einem diktatorischen Überwachungsstaat gelebt hat, ja zusätzlich zu der Mahnung, dass Deutschland bei der Digitalisierung den Anschluss nicht verpassen dürfe, auch noch andere Gedanken angesichts einer solchen Kontrolle der Bevölkerung.

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