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China : Hinter den Barrikaden von Wukan

Umkämpftes Fischerdorf Wukan: Die Kader der Kommunistischen Partei sind getürmt, die Polizei über alle Berge Bild: REUTERS

Im Südosten Chinas wehrt sich ein Fischerdorf gegen Korruption. Die Staatsmacht hat die Kontrolle über Wukan verloren - jetzt schlägt sie zurück.

          Auf der Asphaltstraße, die in das umkämpfte Fischerdorf Wukan führt, versperren gefällte Bäume den Weg. Davor liegen einige Bretter mit Nägeln, die mit den Spitzen nach oben ragen. Oben auf den Barrikaden hängt an einer Bambusstange die chinesische Nationalflagge. Sie flattert in der Brise, die vom Ozean herüberweht. Mehr als 50 Dorfbewohner stehen vor, hinter und zwischen den quer liegenden Bäumen, einige suchen am Rand unter einer Plane Schutz vor der Sonne. Hier kommt niemand durch, den die Einwohner von Wukan nicht hereinlassen wollen. „Doch wenn die Polizei kommt, dann schlagen wir laut unsere Gongs und ziehen uns zurück. Gekämpft wird im Dorf“, sagt einer.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Doch auch die Polizei hat einen Sicherheitsring um das Dorf in der wohlhabenden südostchinesischen Provinz Guangdong gezogen, an allen größeren Zugangswegen sind Wachtposten und Sperren aufgebaut, die alle „ungebetenen“ Besucher und Lebensmittellieferungen aufhalten. Auf dem Meer patrouillieren außerdem zwei Boote der Küstenwache, damit die Dorfbewohner nicht fischen gehen können.

          Kontrolle über Wukan verloren

          Doch in Wukan selbst hat der chinesische Staat die Kontrolle über seine Untertanen verloren. Seit mehr als einer Woche ist der Ort mit mehr als 13.000 Einwohnern vollständig in der Hand seiner Bewohner. Die Kader der Kommunistischen Partei sind getürmt, die Polizei über alle Berge. Seit einer Woche haben die Aufständischen von Wukan jeden Tag einen Protest abgehalten. Sie haben die Fäuste in die Höhe gereckt, Parolen geschrien und Plakate in die Höhe gehalten.

          Heftige Proteste im chinesischen Fischerdorf Wukan Bilderstrecke

          Doch wie lange werden sie unter der Blockade durchhalten? „Es gibt nicht genug zu essen und die Leute können kein Geld verdienen, niemand traut sich rauszugehen“, sagt eine Frau in Wukan. Doch am Sonntagvormittag kommt ein motorisiertes Dreirad und bringt Reis an die Straßensperre. „Das sind etwa 40 Säcke mit je 15 Kilo Reis, gespendet von einem der Dorfbewohner“, sagt ein Mann. Der Kleintransport ist über Feldwege aus dem Nachbardorf gekommen, an den Sperren der Polizei vorbeigeschlichen.

          Unterhändler in Haft verstorben

          Der Kampf um Wukan begann am 21. September, als die Dorfbewohner sich aufmachten, gegen den Raub ihres Landes durch lokale Geschäftsleute und korrupte Kader zu protestieren. 3000 bis 4000 Demonstranten sollen damals ihre Petition unterschrieben haben, samt Unterschrift und Fingerabdruck. „Gebt das Land unserer Vorfahren zurück“, stand auf einem der Plakate. Am nächsten Tag stürmte die Polizei das Dorf und prügelte auf einige Dorfbewohner ein.

          Die Menschen in Wukan kochten vor Wut, sie schlugen mit Stöcken auf die Einsatzwagen ein, ließen Autoscheiben zu Bruch gehen und Steine auf die Einsatzkräfte regnen. In dieser Gegend sei man nicht zimperlich, heißt es. Es folgten weitere Proteste im November, bis schließlich Anfang Dezember vier angebliche Rädelsführer von der Polizei festgenommen wurden. Die Situation eskalierte abermals, als einer von ihnen, der Unterhändler Xue Jinbo, plötzlich unter ungeklärten Umständen in der Haft verstarb.

          Im Zentrum des Dorfes steht unter einem Zelt das goldgerahmte Bild von Xue Jinbo, mit einer schwarzen Schleife darum drapiert. Etwas weiter, im Haus der Familie des Toten, entzündet ein Mann gerade Räucherstäbchen auf einem kleinen Hausaltar. Die Tochter des Toten lässt ausrichten, dass sie für ein Interview keine Kraft mehr habe. Die Familie vermutet, dass Xue Jinbo von der Polizei zu Tode geprügelt wurde, an seinem Körper habe es Spuren von Schlägen gegeben. „Xue Jinbo war völlig gesund, als sie ihn mitnahmen, aber nur 20 Stunden später war er tot. Wie kann das sein?“, sagt ein Mann.

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