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China : Ein Menschenrecht auf Fortpflanzung?

  • -Aktualisiert am

Mehr Jungen als Mädchen wegen Ein-Kind-Politik

Die Wissenschaftler fordern auch eine Abschaffung der „Kindergebühr“. Wenn das Fortpflanzungsrecht ein Persönlichkeitsrecht sei, müsse der Staat es schützen. Durch die Bußgelder werde den Familien nicht nur nicht geholfen, sie müssten auch noch große Nachteile dafür in Kauf nehmen, dass sie ein zweites Kind großziehen. Zhan Zhongle hält es auch für ungerecht, dass Staatsangestellte wie Yang Zhihu damit zu rechnen haben, ihre Stellung zu verlieren, wenn sie mehr als ein Kind haben wollen.

Chinesische Demographen wie Qiao Xiaochun argumentieren mit praktischen Argumenten gegen die Ein-Kind-Politik. Sie habe zu mehr Geburten von Jungen geführt, weil weibliche Embryonen abgetrieben werden, wenn das eine Kind unbedingt ein Sohn sein soll. Sie führe auch dazu, dass die Altersstruktur der chinesischen Bevölkerung sich ungünstig verändert hat. Die Alterspyramide steht Kopf, die chinesische Bevölkerung altert zu schnell.

Die Kritiker haben jetzt Schützenhilfe von der mächtigen Staatlichen Reform- und Planungskommission bekommen. Wenn sich der Alterungsprozess schnell fortsetze, werde China bald Schwierigkeiten mit der Versorgung der Rentner haben. Der Mangel an Arbeitskräften werde sich verschärfen. Weniger radikal als die Juristen um Zhan Zhongle schlagen die Planer vor, ein zweites Kind zu erlauben. Je länger man mit der Entscheidung warte, desto schwieriger werde die Lage, heißt es in einem Bericht der Kommission.

Führungswechsel im März verhindert Reform

Noch gibt es keine Reaktion der Regierung auf solche Appelle. Die Regierung fürchtet nach wie vor, dass eine Lockerung der Politik zu einer neuen Bevölkerungsexplosion führen könnte, sagt Demograph Qiao. Er hält dies für unwahrscheinlich. In den spät entwickelten Gesellschaften wolle kaum noch jemand viele Kinder haben, sagt er und verweist auf niedrige Geburtenraten etwa in Südkorea und Taiwan. Zwei Kinder wären eine für alle akzeptable Lösung.

In China liegt nach dem Zensus von 2010 die Geburtenrate bei nur 1,18 pro Paar, in den Großstädten Peking und Schanghai liegt sie sogar unter 1. In Regierungsverlautbarungen ist aber immer von 1,8 Kindern die Rede. Vielleicht glaube die Regierung ihren eigenen Statistiken nicht, sagt Qiao.

Viele Kritiker der staatlichen Familienplanung glauben, dass niemand vor dem Führungswechsel an der Spitze der Partei in diesem Herbst und vor der Bildung einer neuen Regierung im nächsten März das heiße Eisen der Ein-Kind-Politik anpacken will. Und schließlich wirken auch noch die Beharrungskräfte der Bürokratie. Im ganzen Land arbeiten Hunderttausende bei den Familienplanungsbehörden, aber indirekt hängen mehrere Millionen Arbeitsplätze mit der Planung zusammen. Chinesische Kritiker wie Yang Zhizhu glauben auch, dass die Einkünfte aus der „Kindergebühr“ mittlerweile für viele lokale Behörden eine wichtige Einnahmequelle geworden sind, auf die sie nicht verzichten wollen. Yang Zhizhu hat seine Gebühr bezahlt und darf jetzt wieder arbeiten. Und sein Töchterchen ist nun legal registriert.

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