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Corona-Ausbruch in China : Die Thermometer sind zurück

Eine Covid-19-Teststation in der chinesischen Stadt Zhengzhou Bild: dpa

Peking hatte die seit langem niedrigen Corona-Zahlen mit einer „Überlegenheit des chinesischen Systems“ erklärt. Doch nun gibt es so viele Neuinfektionen wie seit April 2020 nicht mehr. Die Behörden greifen zu drastischen Mitteln.

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          Auf einmal stehen in Peking wieder Leute mit Thermometern vor den Wohnblocks. Manche Einkaufsstraßen sind wieder mit Absperrgittern verriegelt. Und Pekinger auf Reisen kehren überstürzt in die Hauptstadt zurück, bevor es nicht mehr möglich ist. China erlebt in diesen Tagen den größten Corona-Ausbruch seit der Aufhebung des Lockdowns von Wuhan im April 2020. Im Vergleich zu Europa sind die Zahlen gering. Innerhalb der vergangenen zwei Wochen wurden in zehn Provinzen rund 400 Corona-Neuinfektionen gemeldet. Die Maßnahmen sind dafür deutlich strenger. Die Hauptstadt igelt sich ein. Der Verkauf von Bahnfahrkarten aus 23 Städten nach Peking wurde am Dienstag auf unbestimmte Zeit ausgesetzt.

          Friederike Böge
          Politische Korrespondentin für China, Nordkorea und die Mongolei.

          Auch andere Regionen greifen zu drastischen Maßnahmen. Die bei Touristen beliebte Stadt Zhangjiajie verhängte eine Ausreisesperre für alle Bewohner und Besucher. Die Stadt Yangzhou sperrte alle Wohngebiete ab. Pro Haushalt darf nur noch ein Bewohner zum Kauf von Lebensmitteln das Haus verlassen. Die Stadt Wuhan kündigte an, alle elf Millionen Einwohner testen zu wollen, nachdem dort sieben Neuinfektionen gemeldet wurden. Die Stadt Nanjing setzte Teile des öffentlichen Nahverkehrs aus. In der Provinz Henan haben manche Dörfer Erdwälle errichtet, um zu verhindern, dass Autofahrer hineinfahren können.

          Hiobsbotschaft für die Tourismusbranche

          Der jüngste Ausbruch geht nach offiziellen Angaben auf Reinigungskräfte zurück, die am 20. Juli am Flughafen von Nanjing in einem Frachtflugzeug aus Russland eingesetzt waren. Die zuständige Behörde wurde daraufhin von der Disziplinarkommission wegen „fehlender Aufsicht und unprofessionellem Management“ abgemahnt. Unter anderem seien die gleichen Reinigungskräfte für Inlands- und Auslandsflüge eingesetzt worden. Mindestens sechzig Reinigungskräfte sollen sich in Nanjing mit der Delta-Variante infiziert haben. Die meisten von ihnen waren vollständig geimpft. Möglicherweise bewahrte der Impfschutz viele vor schlimmeren Folgen. Bislang sind nach offiziellen Angaben vier Prozent von ihnen schwer erkrankt.

          Derweil kam es in der Unesco-Weltnaturerbestätte Zhangjiajie am 22. Juli offenbar zu einem Superspreader-Event bei einer Theatervorführung vor bis zu 2000 Besuchern. Viele von ihnen reisten anschließend in ihre Heimatorte zurück, bevor sie Symptome bemerkten. Infektionsfälle in mindestens sieben Städten konnten nach Zhangjiajie zurückverfolgt werden. Für die chinesische Tourismusbranche ist das eine Hiobsbotschaft. Sie hatte zuletzt von der Pandemie profitiert, weil die allermeisten Chinesen im eigenen Land Urlaub gemacht haben. Auslandsreisende unterliegen bei der Rückkehr einer zwei- bis dreiwöchigen Hotel-Quarantäne.

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          Zahlreiche Städte und Provinzen riefen ihre Bewohner am Dienstag auf, von allen Reisen abzusehen, soweit sie nicht absolut notwendig seien. Die nächsten landesweiten Ferien stehen Anfang Oktober an. Die sogenannte Goldene Woche nutzen gewöhnlich etliche Millionen Chinesen für Urlaubsreisen.

          Xi Jinping droht persönliche Blamage

          In Zhengzhou, der Hauptstadt der Provinz Henan, kam es zu einem gesonderten Ausbruch mit bislang 78 bestätigten Infektionen. Ausgangspunkt war offenbar ein Reisender aus Myanmar, der im Volkskrankenhaus Nummer Sechs behandelt wurde. Fast alle übrigen Infizierten hatten direkt oder indirekt eine Verbindung zu dem Krankenhaus. Auch in diesem Fall soll es sich um die Delta-Variante handeln. Der Leiter der lokalen Gesundheitskommission wurde suspendiert.

          Die strikten Maßnahmen lassen erkennen, wie alarmiert die chinesische Führung über die jüngsten Entwicklungen ist. Sie hat von Beginn der Pandemie an eine Null-Covid-Strategie verfolgt. In den vergangenen Monaten war es meist nur zu lokal begrenzten Clustern gekommen. Dass größere Ausbrüche seit April 2020 verhindert werden konnten, führte Peking auf die vermeintliche „Überlegenheit des chinesischen Systems“ zurück. Staats- und Parteichef Xi Jinping hat die niedrigen Infektionszahlen in China auch als seine ganz persönliche Erfolgsbilanz ausgegeben. Umso mehr droht ihm eine Blamage, wenn das Virus nicht schnell unter Kontrolle gebracht wird.

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