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China : "Die Kirche hat keine Angst vor Unterdrückung"

  • -Aktualisiert am

Nationales Priesterseminar in Peking: Nonnen beim Gesangsunterricht Bild: Till Fähnders / F.A.Z.

Nach Jahren relativer Ruhe scheint sich das Verhältnis zwischen offizieller Kirche und den Untergrundkatholiken in China wieder zu verschlechtern. Die regierungstreuen „Patrioten“ versuchen, an Einfluss zu gewinnen.

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          Die Gläubigen strömen in einen Gottesdienst, den es eigentlich nicht geben dürfte. Reihe um Reihe füllt sich. Diejenigen, die schon da sind, murmeln ein Gebet. Dutzende stehen zur Beichte an. Kurz vor Beginn ist das Gotteshaus voll, die Letzten setzen sich auf Treppenstufen, andere bleiben während der gesamten Messe im Eingangsbereich stehen. Die Dezemberkälte krabbelt die Beine hoch. Weihrauchduft schwebt durch die Luft. Kerzen brennen. Gesang erfüllt den Raum. Der Priester läuft an den Reihen vorbei. Er benetzt die Menschen mit Weihwasser. In seiner Predigt wird er die schwierige Lage erwähnen, in der sich die chinesischen Katholiken derzeit wiederfinden.

          Till Fähnders
          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          „Der Papst hat vor kurzem gesagt, die katholische Kirche in China sei instabil, sie sei einer Verfolgung ausgesetzt. Er sagte, jeder Christ sollte einen reinen Glauben behalten und Buße tun“, sagt der Pfarrer. Er will Trost spenden, die Gemeinde ist in Aufruhr. Schon lange waren die Beziehungen zwischen den papsttreuen Katholiken der Untergrundkirche und der offiziellen Staatskirche nicht mehr so gespannt wie jetzt.

          Stillschweigende Übereinkunft zwischen Peking und Rom

          Das Gotteshaus in der nordchinesischen Provinz Hebei gehört zum Untergrund. Offiziell leben in China etwa 5,6 Millionen Katholiken, doch Schätzungen zufolge sind es eigentlich zwölf bis 14 Millionen. Seit den fünfziger Jahren ist die katholische Kirche in China gespalten. Da gibt es zum einen die offizielle staatlich kontrollierte Kirche, deren „Patriotische Vereinigung“ sich jede Einmischung des Vatikans verbittet. Und zum anderen gibt es die Untergrundkirche, die dem Papst die Treue hält und die von der Regierung als illegal angesehen wird. Ihre Anhänger empfinden die staatliche Kontrolle als Gängelung. Die Lage in der chinesischen Kirche sei „kompliziert“, erklärt deshalb der Priester nach dem Gottesdienst.

          Ein besonderer Streitpunkt ist die Weihe der chinesischen Bischöfe, bei der sich die offizielle Kirche ein Mitmischen des Vatikans verbittet. In den vergangenen Jahren hatte es in diesem Punkt eine Annäherung gegeben. Einer stillschweigenden Übereinkunft zwischen Peking und Rom zufolge waren die Kandidaten der offiziellen chinesischen Kirche auch vom Papst anerkannt worden. Sie wurden damit auch für die Untergrundchristen akzeptabel. Doch Ende November ist in Hebei wieder ein Bischof ohne die Zustimmung des Papstes geweiht worden.

          Untergrundbischöfe leiden unter Verfolgung

          Aus diesem Grund gibt es nun wieder Spannungen zwischen Peking und dem Vatikan, und das bekommen auch die Katholiken im Land zu spüren. „Wir sind stocksauer“, sagt einer der Gläubigen in Hebei. Die Katholiken befürchten, dass die chinesische Regierung ihren Einfluss auf die Kirche weiter ausbauen will. Sie glauben, dass dies zu einer weiteren Spaltung in den Gemeinden führen könnte. Die Lage in der nordchinesischen Provinz, die an die Hauptstadt Peking angrenzt, ist besonders schwierig, da hier die meisten Katholiken wohnen.

          Viele Untergrundbischöfe aus der Gegend haben seit Jahren unter Verfolgungen zu leiden. Dazu gehört auch der Bischof Julius Jia Zhigou aus der Diözese Zhengding. Er wurde mehr als ein Dutzend Mal verhaftet, verbrachte mehr als 20 Jahre in Gefängnissen. Zuletzt saß er für 15 Monate in Haft. Erst im Juli wurde er freigelassen. Seitdem steht der 75 Jahre alte Bischof unter Hausarrest. Der Versuch, ihn in der Kathedrale des Dorfes Wuqiu in Hebei zu besuchen, schlägt deshalb fehl. Der Bischof werde 24 Stunden am Tag überwacht, „selbst wenn er auf die Toilette geht“, berichtet eine Ordensschwester. Wie sie sagt, hätten die Behörden dafür ständig sechs bis sieben Männer im Einsatz.

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