https://www.faz.net/-gpf-6z8vc

China : Chonqinger Abgründe

  • -Aktualisiert am

Ausgangspunkt von Bos Aufstieg: die Metropole Chongqing Bild: dapd

Der Tod eines britischen Geschäftsmannes hat den Sturz eines der mächtigsten Funktionäre der Kommunistischen Partei Chinas verursacht - oder hat er ihn nur beschleunigt?

          6 Min.

          Als im November der britische Geschäftsmann Neil Heywood tot in einem Hotel in Chongqing aufgefunden wurde, vermutete zunächst noch niemand etwas Böses. Seiner chinesischen Ehefrau wurde mitgeteilt, ihr Mann sei an den Folgen exzessiven Alkoholkonsums gestorben.

          Die Behörden in Chongqing hatten es eilig, den Leichnam einzuäschern, eine Autopsie fand nicht statt. Weder die Angehörigen, noch die britische Botschaft forderten eine polizeiliche Untersuchung. Die einzigen, die wahrscheinlich eine Ahnung davon hatten, dass Heywood keines natürlichen Todes gestorben war, waren die Ermittler der Disziplinkommission der Kommunistischen Partei. Und die gaben ihr Wissen nicht weiter.

          Neil Heywood war ein Mittelsmann, wie es sie in Chinas wildem und für Ausländer oft undurchdringlichem Kapitalismus viele gibt. Sie stellen Kontakte zwischen ausländischen Investoren und chinesischen Unternehmen her, dabei ist ihr wichtigstes Kapital ihre Beziehungen zu chinesischen Politikern und Parteisekretären, die über Wirtschaftsprojekte zu entscheiden haben. Neil Heywood hatte beste Kontakte nach ganz oben: er war mit der Familie von Politbüromitglied Bo Xilai befreundet.

          Das größte Politdrama seit Jahrzehnten

          Heywood hatte Bo Xilai wahrscheinlich kennengelernt, als dieser noch Bürgermeister der nordchinesischen Industriestadt Dalian war. Heywood soll damals der Familie Bo zu dem verholfen haben, was für die kommunistischen Kader ein Prestigeanliegen ist: ihre Kinder in teuren Schulen in Großbritannien oder in den Vereinigten Staaten erziehen zu lassen. Heywoods Vermittlung sei es zu verdanken gewesen, dass der Sohn Bo Xilais, Bo Guagua, schon im Alter von 12 Jahren nach England gehen durfte und von der teuren Privatschule Harrow aufgenommen wurde. Das berichteten Freunde der Familie Heywood britischen Zeitungen. Der heute 24 Jahre alte Bo Guagua studierte später in Oxford und ist jetzt im amerikanischen Harvard eingeschrieben.

          Vater Bo Xilai gewann an Macht und Einfluss, er wurde Provinzgouverneur in Liaoning und Parteichef in Chongqing. Seine Mutter Gu Kailai machte als Anwältin auch dank der Position ihres Mannes eine erfolgreiche Karriere. Heywood eröffnete ein Beratungsunternehmen in Peking. Seine geschäftlichen und privaten Kontakte mit einer der wichtigen politischen Familien Chinas öffneten ihm viele Türen. Aber schließlich wurden ihm seine hohen chinesischen Freunde und deren illegale Machenschaften doch zum Verhängnis. Sein Tod brachte das größte Politdrama in Gang, das China seit Jahrzehnten gesehen hat. Seit der vergangenen Woche steht Bo Xilais Frau ganz offiziell unter Verdacht, Heywood ermordet zu haben. In der Bekanntmachung der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua heißt es, Heywood und Frau Gu seien über nicht näher benannte Geschäftsinteressen in Streit geraten.

          Bo Xilai (rechts) zusammen mit seinem Sohn Guagua Bilderstrecke
          Bo Xilai (rechts) zusammen mit seinem Sohn Guagua :

          Seitdem kommen Stück für Stück Einzelheiten ans Licht. Bewiesen ist allerdings noch nichts. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet unter Berufung auf Polizeikreise, dass Frau Gu Heywood beauftragt habe, eine große Geldsumme diskret, also an den Behörden vorbei, außer Landes zu bringen. Zum Streit sei es gekommen, als Heywood einen zu hohen Anteil für diesen Dienst verlangt habe. Er habe dann gedroht, die illegalen Geschäfte von Frau Gu öffentlich zu machen. Im chinesischen Internet machten Nachrichten die Runde, nach denen dies keineswegs das erste Mal gewesen sei, dass Heywood für solche Dienste eingesetzt wurde. Er soll über die Jahre umgerechnet mehrere hundert Millionen Euro der Bo-Familie ins Ausland geschafft haben. Freunde Heywoods berichteten, dass sich seine Beziehungen zur Bo-Familie im vergangenen Jahr verschlechtert hätten. Er soll ihnen auch gesagt haben, dass er um seine Sicherheit fürchte. Er habe belastendes Material in England hinterlegt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.