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China : Warum Mao vom Mond träumte

Schon Mao hatte proklamiert, die Vergangenheit müsse der Gegenwart dienen. Und so huldigt die Ausstellung lediglich den aktuellen Führer. Bild: Sven Simon, Bonn

In einer großen Ausstellung feiert China 40 Jahre Reform- und Öffnungspolitik – mit einem selektiven Blick zurück. Die Jubiläumsfeier mutiert jedoch zu einer Huldigung des aktuellen Führers Xi Jinping.

          Vor dem Nationalmuseum am Platz des Himmlischen Friedens stehen Tausende Menschen Schlange. Die Staatsunternehmen haben ihre Belegschaften mit Bussen hergebracht und die Armee ihre Soldaten in Ausgehuniformen, damit sie sich die Ausstellung zum großen Jubiläum der Reform- und Öffnungspolitik ansehen. Allein in den ersten vier Tagen nach der Eröffnung kamen 190.000 Besucher. China war in den vergangenen Wochen im Jubiläumsfieber, das am Dienstag mit einer Rede Xi Jinpings in der Großen Halle des Volkes in Peking seinen Höhepunkt erreichte: Vor 40 Jahren, vom 18. bis zum 22. Dezember 1978, stellte das dritte Plenum des elften Zentralkomitees der Kommunistischen Partei die Weichen für Chinas Wirtschaftswunder. Unter der Führung Deng Xiaopings ließ das Land die traumatischen Jahre der Kulturrevolution hinter sich und machte sich auf den Weg vom verarmten Bauernstaat zur Hightech-Nation. Mit der Rede am dienstag seunen höhepunkt

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Wie immer, wenn die Partei in die Vergangenheit schaut, ist die Erinnerung ziemlich selektiv. Schon Mao hatte proklamiert, die Vergangenheit müsse der Gegenwart dienen. Und so ehrt die Ausstellung nicht jene, die das Wirtschaftswunder vollbracht haben, sondern huldigt dem aktuellen Führer. Am Eingang fotografieren sich Besuchergruppen mit der chinesischen Fahne vor einem Banner, das Xi Jinping preist. Auf einem Bildschirm wird eine Rückschau auf die vergangenen 40 Jahre gezeigt. Nur zweimal taucht darin der Architekt der Öffnung, Deng Xiaoping, auf. Xi Jinping dagegen zwölfmal.

          Im Hauptsaal mit den historischen Fotos nimmt der amtierende Staats- und Parteichef mehr als die Hälfte des Platzes ein, obwohl er erst seit sechs Jahren an der Macht ist. Die Führer der übrigen 34 Jahre müssen sich die andere Hälfte teilen. Bedeutende Reformer wie der frühere Generalsekretär der Partei Hu Yaobang oder der frühere Ministerpräsident Zhao Ziyang kommen gar nicht vor. Zhao ist schon 1989 wegen seiner Haltung zu den Studentenprotesten aus der Geschichte ausradiert worden, die meisten jungen Leute haben noch nie von ihm gehört. Aber Hu? Er gehörte bislang noch zum Geschichtskanon.

          „Xi Jinping musste seine Macht so übertrieben darstellen, weil er sich unsicher fühlt“, sagt Frank Pieke, Direktor des Mercator Institute for China Studies in Berlin. Die innerparteilichen Kritiker des Präsidenten werfen diesem vor, mit Deng Xiaopings Erbe gebrochen zu haben. Die Ausstellung atmet den nationalistischen Geist der „neuen Ära“. Auffällig ist auch, dass ausgerechnet Mao in der Ausstellung prominent vorkommt, obwohl sich die Reformer nach 1978 eigentlich bewusst von ihm abgrenzen wollten. Die Exponate zum Weltraumprogramm und zur chinesischen Seemacht sind mit Gedichtzeilen Maos über den Mond und die Tiefsee überschrieben. Xi Jinping erscheint damit als derjenige, der Maos Zukunftsvision in die Tat umsetzt. Und die Nation in eine goldene Zukunft führt.

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