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Missbrauchsskandal in Chile : In den Händen des Papstes

Bietet Rücktritt an:Ricardo Ezzati, Erzbischof von Santiago Bild: AP

Alle 34 Bischöfe Chiles haben nach Gesprächen mit Franziskus über die Missbrauchsfälle in ihrem Land den Rücktritt angeboten. Nun muss Franziskus über die künftige Besetzung der chilenischen Bischofskonferenz entscheiden.

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          Der Brief zum Abschied am Donnerstagabend war in versöhnlichem Ton verfasst. Darin dankte Papst Franziskus seinen chilenischen „Mitbrüdern im Bischofsamt“ dafür, dass sie „die Einladung“ nach Rom angenommen und von Dienstag bis Donnerstag im Vatikan über „diese schmerzlichen Vorfälle des Missbrauchs – von Minderjährigen, von Macht und von Gewissen“ gesprochen hatten. Es gelte nun, nach „diesen Tagen des Gebets und der Reflexion“, den „Aufbau einer prophetischen Kirche“ fortzusetzen und wieder den „Dienst am Herrn im Hungrigen, im Gefangenen, im Einwanderer, im Missbrauchten“ in den Mittelpunkt des pastoralen Wirkens zu stellen. Was dann am Freitagmittag folgte, schien so gar nicht zu dem Dankes- und zugleich Bittbrief des Mitbruders im Vatikan zu passen: Alle 34 chilenischen Bischöfe boten geschlossen ihren Rücktritt an und legten damit ihr Schicksal in die Hand des Papstes. Nun ist es an Franziskus, über die künftige Zusammensetzung der chilenischen Bischofskonferenz zu entscheiden.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Schon Franziskus’ Rede von der „Einladung“ nach Rom war euphemistisch: Der Papst hatte die gesamte Bischofskonferenz zum Rapport einbestellt, den emeritierten Erzbischof von Santiago, Kardinal Francisco Errázuriz Ossa, eingeschlossen. Der vielleicht mächtigste Mann in der chilenischen Kirche hatte zunächst wissen lassen, er werde sich die Reise nach Rom sparen. Schließlich war Errázuriz erst Ende April im Vatikan gewesen: zur jüngsten Sitzung des neunköpfigen Kardinalsrates, den Franziskus im Frühjahr 2013 als maßgebliches Beratungsgremium für seine geplante Kurienreform berufen hatte. Dann entschloss sich Errázuriz kurzfristig doch zur neuerlichen Reise nach Rom. Zuvor hatte es offenbar ein Telefonat aus dem Vatikan in vielleicht nicht so brüderlichem Ton gegeben.

          Und auch ein vertrauliches Schreiben, das der Papst den chilenischen Bischöfen zu Beginn des Treffens in Rom übergeben hatte, war eher im Befehlston verfasst. Der chilenische Sender „Canal 13“ veröffentlichte am Freitagmorgen Auszüge aus dem zehnseitigen Schreiben, dessen Authentizität vom Vatikan nicht in Zweifel gezogen wurde. Darin heißt es, als Konsequenz aus dem Missbrauchsskandal reiche es nicht aus, „nur die konkreten Fälle zu behandeln und die betreffenden Personen zu entfernen“, auch wenn das in einem ersten Schritt geschehen müsse, wie der Papst „in aller Deutlichkeit“ zu verstehen gibt. Vielmehr müsse „noch mehr geschehen“, man müsse die Probleme nun „an der Wurzel packen“.

          Die von ihm beim maltesischen Erzbischof Charles Scicluna und dem französischen Rechtsexperten Jordi Bertomeu im Februar in Auftrag gegebene detaillierte Untersuchung der Vorgänge in der chilenischen Kirche habe ergeben, dass Geistliche, die wegen „sittenlosen Verhaltens“ entfernt worden seien, in anderen Diözesen wieder eingesetzt worden seien. Dort hätten sie abermals „täglichen und direkten Kontakt zu Minderjährigen“ gehabt. Scicluna und Bertomeu stellten nach Gesprächen mit 64 Opfern und Zeugen fest, dass bei Missbrauchsfällen in der chilenischen Kirche die gleichen Verleugnungs- und Vertuschungstaktiken Anwendung gefunden hatten, wie sie zuvor schon in den Vereinigten Staaten, in Irland und in anderen Ländern aufgedeckt worden waren.

          Doch musste der Papst, um das erkennen zu können, wirklich erst den Anfang März überreichten, 2300 Seiten starken Bericht seiner Sonderermittler lesen? Warum demütigte Franziskus bei seinem Besuch in Chile im Januar Missbrauchsopfer noch als „Verleumder“, weil diese schwere Vorwürfe gegen vier Bischöfe aus dem Schülerkreis des Priesters Fernando Karadima – den der Vatikan schon 2011 als Serientäter verurteilt hatte – erhoben hatten? Was wusste der Papst wann? Schon im Frühjahr 2015 schilderte das prominente chilenische Missbrauchsopfer Juan Carlos Cruz in einem Schreiben, was sich rund drei Jahre später gewiss auch in dem vertraulichen Bericht der Sonderermittler findet. Den Brief hatte Kardinal O’Malley, Präsident der päpstlichen Kinderschutzkommission, dem Papst im April 2015 persönlich überreicht. Hat der Papst ihn nicht gelesen? Wurde er, wie er selbst behauptet, mit Falschinformationen von chilenischen Kardinälen und Bischöfen hinters Licht geführt?

          Gewiss, der Papst hat nach den persönlichen Gesprächen mit Missbrauchsopfern im April um Vergebung für eigene schwere Verfehlungen beim Umgang mit dem Missbrauchsskandal gebeten. Das taten die chilenischen Bischöfe jetzt auch – und traten dann geschlossen zurück. Nun kann der Papst entscheiden, wen er in Chile als „Mitbruder im Bischofsamt“ belassen will und wer gehen muss.

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