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Chile : Sie feiern sie wie eine Heilige

  • -Aktualisiert am

Michelle Bachelet: Die erste Präsidentin Chiles? Bild: AP

Die chilenische Sozialistin Michelle Bachelet lebte im DDR-Exil, war Verteidigungsministerin und könnte nun Staatspräsidentin ihres Heimatlandes werden.

          Stellen Sie sich vor, Sie sind soeben in Santiago gelandet, und der Bus setzt Sie - wie man heute so sagt - in the middle of nowhere ab: Links verschneite Andengipfel, von der Mittagssonne zum Greifen nahe gerückt, rechts das Valle Central, menschenleeres Acker- und Weideland, durch das Busse und Lastwagen donnern, ohne auf die rudernden Arme zu achten, mit denen Sie vergeblich auf sich aufmerksam zu machen versuchen. Irgendwann erscheint ein Gaucho, der in Chile Huaso heißt, und weist Ihnen den Weg nach Melipilla, einer Kleinstadt, wo die Präsidentschaftskandidatin Michelle Bachelet eine Wahlrede halten soll.

          Die Plaza de Armas ist mit Luftballons und Fahnen geschmückt, eine Folkloregruppe führt aus der Kolonialzeit stammende Tänze vor, und auf der Ehrentribüne schwitzen die Honoratioren der Stadt. Sprechchöre sind zu hören, vergessen geglaubte Slogans aus der Zeit von Allendes „Unidad Popular“, und Mütter halten ihre Kinder hoch, als Chiles Hoffnungsträgerin aus einem Landrover mit dunkel getönten Scheiben steigt, von jubelnden Anhängern, Fernseh- und Radioreportern fast erdrückt. Im Gedränge rufe ich ihr zu, ob sie sich Angela Merkel nahe fühle, und die Antwort kommt postwendend: Como no, warum nicht?

          Gleiche Haarfarbe und Frisur wie Merkel

          Michelle Bachelet sieht nicht nur aus wie die deutsche Kanzlerin - fast dasselbe Alter, die gleiche Haarfarbe und Frisur -, sie ist die Angela Merkel Chiles: Sie kandidiert für ein Bündnis von christlichen Demokraten und Sozialdemokraten, genannt Concertacion, und hat gute Chancen, die heutige Wahl zu gewinnen und nach der Stichwahl im Januar Lateinamerikas erste Staatspräsidentin zu werden - seit Isabelita Peron. Die Parallele zu Angela Merkel reicht weiter: Nach Pinochets Putsch gelangte sie auf dem Umweg über Australien in die DDR, wo sie erst in Potsdam, später in Leipzig Deutsch lernte, einen Chilenen heiratete, ihr erstes Kind bekam und an der Berliner Humboldt-Universität Medizin studierte.

          Michelle Bachelets Mutter Angela war damals in Exilkreisen bekannter als die Tochter, nachdem ihr Mann Alberto, Armeegeneral und loyaler Gefolgsmann von Präsident Allende, unter der Folter gestorben war. Mutter und Tochter waren ebenfalls vorübergehend in einem Geheimgefängnis des Pinochet-Regimes inhaftiert, bevor sie Anfang 1975 nach Intervention eines befreundeten Generals ausreisen durften. Michelle Bachelet spricht nicht öffentlich darüber, was damals in der Villa Grimaldi, dem Folterzentrum des chilenischen Geheimdiensts Dina, geschah. Bekannt ist nur, daß sie, als die Augenbinde verrutschte, ihren Peiniger zu Gesicht bekam, den sie an seinem Körpergeruch identifizierte, als sie ihn Jahre später im Verteidigungsministerium wiedersah.

          Verlobter erwies sich als Doppelagent

          Auch ihr Leben in der DDR, wo sie vier Jahre zubrachte, bleibt in Dunkel gehüllt, weil ihr dort nach dem Tod des Vaters ein zweites Trauma widerfuhr: Ihr Verlobter Jaime Lopez, als Kurier der sozialistischen Partei nach Ost-Berlin entsandt, erwies sich als Doppelagent, der von der Dina „umgedreht“ worden war und nach der Rückkehr in Chile spurlos verschwand - sein Schicksal ist bis heute ungeklärt. Nur soviel ist sicher: Obwohl eigentlich Sozialistin, sympathisierte Michelle Bachelet mit der chilenischen KP wegen deren harter Linie gegen das Pinochet-Regime und blieb mit Mann und Kind in der DDR, während ihre Mutter nach Washington übersiedelte, um Lobbyarbeit für Chiles Rückkehr zur Demokratie zu betreiben.

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