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Mapuche-Konflikt in Chile : Ein Volk, das in der Verfassung nicht vorkommt

Mapuche liefern sich in Comuna Imperial im Süden Chiles Auseiandersetzungen mit der Polizei. Sie fordern die Freilassung eines religiösen Anführers. Bild: AFP

In Chile spitzt sich der Konflikt zwischen Indigenen und europäischen Einwanderern zu: Eine Anschlagserie radikaler Mapuche auf Lastwagenfahrer erschüttert das Land. Die Lastwagenfahrer fordern jetzt ein härteres Durchgreifen der Justiz.

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          In Chile stehen seit Donnerstag unzählige Lastwagen still. Die Lastwagenfahrer drohen, den Streik fortzusetzen, bis der Kongress eine Reihe von Gesetzen gutheißt, die den Sicherheitsapparat und die Justiz stärken. Hintergrund ist eine Serie von Anschlägen in der Region Araucanía im Süden Chiles. Vergangene Woche hatten dort Unbekannte einen Lastwagen beschossen und die neun Jahre alte Tochter eines Lastwagenfahrers verletzt. Der Fall hat in Chile Bestürzung ausgelöst. Präsident Sebastián Piñera kündigte an, die „Terroristen“ zur Rechenschaft zu ziehen. Die von den Lastwagenfahrern geforderten Gesetze gäben der Polizei und der Justiz das Rüstzeug für ein härteres Vorgehen. Eines der Gesetze trägt etwa den Namen eines Lastwagenfahrers, der im Februar Opfer eines Brandanschlages auf seinen Lastwagen wurde und an den Folgen starb. Das Gesetz sieht vor, Brandanschläge auf Fahrzeuge auf dieselbe Stufe wie Anschläge auf bewohnte Häuser zu heben.

          Tjerk Brühwiller

          Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.

          Die Linke bezeichnet die Gesetze als repressiv und den Streik als Erpressung. Die Schüsse auf die Tochter eines Lastwagenfahrers bilden den vorläufigen Höhepunkt einer Welle von Anschlägen und Straßenblockaden in Araucanía, die sich schon über Wochen hinzieht. Hinter den Aktionen stehen radikale Gruppen des indigenen Volkes der Mapuche, deren ursprüngliches Territorium in Araucanía sein Zentrum hat. Ihre Angriffe richten sich in der Regel gegen die Holz- und Agrarunternehmen der Region. Immer wieder gab es in der Vergangenheit Brandanschläge auf Lastwagen, Maschinen oder Gebäude. Die betroffenen Unternehmen sind für viele Mapuche Instrumente der Besetzung ihres Territoriums.

          Klima des Rassismus

          Der Konflikt zwischen den Mapuche und dem chilenischen Staat ist so alt wie der Staat selbst. Bis zur Unabhängigkeit Chiles vor rund zweihundert Jahren hatten sich die Mapuche erfolgreich gegen die Spanier gewehrt, die gar die Souveränität einer eigenen Mapuche-Nation südlich des Río Bío Bío anerkannt hatten. Nach der Unabhängigkeit begann Chile mit der Eroberung und Besiedlung des Südens. An europäische Einwanderer wurde mitten im „Wallmapu“, wie die Mapuche ihr Territorium nennen, Land vergeben. Aus den Farmen sind in der jüngeren Vergangenheit Unternehmen geworden. Die Produktion und Verarbeitung von Früchten, Holz und Lachs sind heute ein bedeutender Wirtschaftssektor Chiles.

          Mit der Bewirtschaftung des Südens nahm auch dessen Militarisierung zu. Die Mapuche sahen sich zusehends an den Rand gedrängt, und viele wanderten in die Städte ab. Unter denen, die in Araucanía blieben, wuchs in einem Klima der Repression und des Rassismus der Widerstand. Die Mapuche galten stets als ein kriegerisches Volk, doch die überwiegende Mehrheit lehnt Gewalt ab. Die Wahrnehmung der Chilenen wird jedoch durch die gewaltbereiten Gruppen und deren Anschläge geprägt. Als sich die Anschläge Ende der neunziger Jahre häuften, ging die Justiz dazu über, die Gewaltakte als Terroranschläge zu bewerten und ein Anti-Terror-Gesetz aus der Zeit der Diktatur gegen die radikalen Mapuche-Gruppen anzuwenden. Dadurch wurde das ganze Volk in der öffentlichen Wahrnehmung zum Feind erklärt. Zahlreiche Anführer der Mapuche sitzen lange Haftstrafen ab.

          Der chilenische Staat und die Politik haben bis heute keine Antwort auf den Konflikt gefunden. Die Repression wird der Komplexität des Problems und der Entwicklung in der chilenischen Gesellschaft nicht gerecht. Bis heute hat Chile die Mapuche nicht als Volk anerkannt. Ein Nebeneinander verschiedener Volksgruppen im Sinne eines „plurinationalen Staates“ wie etwa in Bolivien oder in Ecuador sieht die chilenische Verfassung nicht vor.

          Große Mehrheit für Anerkennung

          Doch die chilenische Gesellschaft hat sich verändert in den vergangenen Jahren. Einerseits bekennen sich immer mehr Chilenen zu ihren indigenen Wurzeln. Derzeit hat etwa ein Achtel der Bevölkerung indigene Wurzeln. Andererseits befürworten inzwischen große Teile der Bevölkerung die Anerkennung der Mapuche. Während der im vergangenen Oktober ausgebrochenen Proteste war in den Demonstrationszügen keine Flagge häufiger vertreten als die „Wenüfoye“, die Flagge der Mapuche. Eine in diesem Monat veröffentlichte Umfrage hat gezeigt, dass über neunzig Prozent der Befragten für eine verfassungsmäßige Anerkennung des Volkes sind. Mehr als siebzig Prozent heißen auch eine Vertretung der Mapuche im Kongress gut.

          In diesem Jahr werden die Chilenen darüber abstimmen, ob und wie eine neue Verfassung für ihr Land ausgearbeitet werden soll. Sollten sie einer neuen Verfassung zustimmen, werden die Verfassungsgeber um die Mapuche nicht herumkommen. Wie auch bei anderen Themen weckt das in rechtsnationalen Kreisen die Befürchtung, dass eine neue Verfassung zu weit gehen könnte und etwa durch Zugeständnisse im Landkonflikt oder gar eigene autonome Mapuche-Territorien die Interessen der Agrar- und Holzwirtschaft im Süden beeinträchtigen könnte.

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