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Chile : „Pinochets Name steht für Brutalität und Ignoranz“

  • Aktualisiert am

Auf den Straßen Santiagos Bild: AFP

Nach dem Tod des früheren chilenischen Diktators ist es in Santiago zu Ausschreitungen gekommen. Pinochet verstarb am Sonntag im Alter von 91 Jahren. Bis zu seinem Tod zeigte er keinerlei Reue.

          3 Min.

          Nach dem Tod des früheren chilenischen Diktators Augusto Pinochet ist es in der Hauptstadt Santiago zu Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei gekommen. Pinochet-Gegner entfachten am Sonntag nahe dem Regierungspalast Feuer und warfen Metallstäbe und Flaschen auf Polizisten. Diese reagierten mit Tränengas und Wasserwerfern. Vier Menschen wurden zwischenzeitlich festgenommen. 23 Polizisten seien verletzt worden, hieß es.

          Der Tod des ehemaligen Machthabers, der am Sonntag im Alter von 91 Jahren im Kreis seiner Familie gestorben war, löste in der Bevölkerung gespaltene Reaktionen aus. Kritiker und Opfer seiner Diktatur tanzten in den Straßen Santiagos oder demonstrierten. Die Schriftstellerin Isabel Allende, eine Nichte des von Pinochet gestürzten Salvador Allende, sagte: „Er wird in der Geschichte einen Platz neben Caligula und Idi Amin erhalten und sein Name wird für Brutalität und Ignoranz stehen.“

          Anhänger Pinochets trauerten indes vor dem Krankenhaus, in dem der frühere General an den Folgen eines Herzinfarkts gestorben war. Tausende bekundeten ihre Ergebenheit gegenüber dem Mann, in dessen siebzehnjähriger Herrschaft Tausende Andersdenkender umkamen, verschwanden oder gefoltert wurden.

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          Kasernen dürfen Halbmast flaggen

          Die amerikanische Regierung sprach in einer ersten Reaktion von einer schwierigen Ära unter Pinochet. Der Sprecher des Weißen Hauses, Tony Fratto, sagte, Amerika gedächte nun der Opfer. Die amerikanische Regierung hatte den Putsch von 1973 unterstützt, durch den Pinochet an die Macht kam.

          Die chilenische Regierung verweigerte ein Staatsbegräbnis des verstorbenen Generals, erlaubte aber, daß die Kasernen Halbmast flaggen. Das chilenische Heer, dessen Oberbefehlshaber Pinochet während seiner gesamten Junta-Herrschaft war, teilte mit, der Verstorbene werde am Montag und Dienstag in der Militärakademie aufgebahrt. Pinochets Sohn Marco Antonio sagte, sein Vater werde entsprechend seines Wunsches eingeäschert. Er habe befürchtet, daß sein Grab von seinen Gegnern geschändet werde.

          1998 in London verhaftet

          Der am Sonntag verstorbene Augusto Pinochet war der erste Staatschef Lateinamerikas, der wegen zahlreicher unter seiner mutmaßlichen Verantwortung begangenen Menschenrechtsverletzungen im Ausland verhaftet wurde. Der von dem spanischen Richter Baltasar Garzón ausgestellte Haftbefehl ist im Oktober 1998 in London vollstreckt worden, als sich Pinochet dort wegen einer medizinischen Behandlung aufhielt. Großbritannien lieferte den einstigen General jedoch nicht an Spanien aus, sondern ließ ihn aus Gesundheitsgründen Anfang März 2000 nach Chile zurückreisen.

          In seinem Heimatland sind gegen Pinochet seitdem zahlreiche Prozesse eröffnet worden. Keines dieser Verfahren führte zu einer Verurteilung, einige wurden wegen vorgeblicher Altersdemenz eingestellt. Allerdings war Pinochet mehrfach unter Hausarrest gestellt worden. Er weigerte sich bei den Vernehmungen, für die während der Diktatur begangenen Verbrechen einzustehen und belastete dafür Untergebene.

          3.194 Menschen getötet, Zehntausende gefoltert

          Kurz vor seinem Tod übernahm er zwar die „politische Verantwortung“ für alles, was in Chile unter seiner Herrschaft geschehen sei, zeigte jedoch keinerlei Reue. Er habe dafür gesorgt, daß Chile von einer „totalitären Bedrohung“ zu der von ihm wiederhergestellten „vollen Demokratie“ gefunden habe, brüstete er sich. Als bekannt geworden war, daß Pinochet in den Vereinigten Staaten und anderen Ländern auf Geheimkonten Gelder unbekannte Herkunft in Höhe einer zweistelligen Millionendollarsumme hortete und Steuern hinterzog, hatten ihm selbst engere Vertraute ihre Gefolgschaft versagt.

          Pinochet stürzte am 11. September 1973 mit einem blutigen Militärputsch den demokratisch gewählten Präsidenten Salvador Allende. Wenige Wochen zuvor erst hatte ihn Allende zum Heereschef ernannt. Pinochet errichtete eine Militärdiktatur, die mehr als 16 Jahre lang das Land beherrschte. In dieser Zeit bekämpfte er mit harter Hand politische Gegner. Nach dem sogenannten Rettig-Report wurden während seiner Herrschaft 3.194 Personen getötet, von mehr als 1.100 dieser Opfer fehlt bis heute jede Spur. Nachweislich wurden mindestens 28.000 Personen gefoltert, vermutlich ist diese Zahl jedoch um ein Vielfaches höher.

          „Senator auf Lebenszeit“

          Mit Pinochets Wissen, seinem Zutun oder gar auf seinen Befehl sind prominente Regimegegner auch im Ausland verfolgt worden. Spektakulärste Fälle sind das Attentat auf seinen Vorgänger in der chilenischen Heeresführung, den General Carlos Prats und dessen Frau im September 1974 in Buenos Aires sowie die Ermordung des früheren Außenministers Orlando Letelier im September 1976 in Washington. Den Widerstand gegen sein Regime konnte Pinochet nie ganz brechen. Im September 1986 wurde auf ihn ein Attentat verübt, bei dem fünf seiner Leibwächter starben. 1988 stellte er sich einer Volksabstimmung, die er glaubte sicher gewinnen zu können. Ihm sprachen jedoch nur 43 Prozent der Wahlberechtigten ihr Vertrauen aus.

          Nach dem Amtsantritt von Patricio Aylwin, dem ersten wieder demokratisch gewählten Präsidenten, im März 1990 blieb Pinochet acht Jahre lang Oberbefehlshaber des Heeres. Im März 1998 trat er das von ihm selbst geschaffene Amt eines „Senators auf Lebenszeit“ an, auf das er unter Hinweis auf seine vorgeblich angegriffene Gesundheit im Juli 2002 verzichtete und das später abgeschafft wurde.

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