https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/cherson-russische-besatzungsbehoerden-ziehen-sich-zurueck-18397721.html

„Evakuierung“ gestartet : Russische Besatzungsbehörden ziehen sich aus Cherson zurück

  • Aktualisiert am

Ein ukrainischer Soldat bewacht einen zurückeroberten Schützengraben in der Region Cherson. Bild: AP

Laut russischen Angaben hat die Ukraine eine Gegenoffensive zur Befreiung von Cherson begonnen. Besatzungsbehörden und Bewohner werden offenbar in andere russisch kontrollierte Gebiete gebracht.

          2 Min.

          An dem Tag, in dem der russische Präsident Wladimir Putin in den besetzen Gebieten das Kriegsrecht verhängt hat, berichtet Russland über eine ukrainische Gegenoffensive in der Region Cherson. Demnach hat die ukrainische Armee zur Befreiung besetzter Gebiete Zehntausende Soldaten zusammengezogen und erste Angriffe gestartet. Die russischen Besatzungsbehörden ziehen sich deshalb nach eigenen Angaben vollständig aus der Gebietshauptstadt Cherson zurück.

          Das von Russland eingesetzte Oberhaupt der russischen Besatzer, Wladimir Saldo, erklärte am Mittwoch dem russischen Sender Rossija 24: „Ab heute werden alle Regierungsstrukturen der Stadt, die zivile und militärische Verwaltung, alle Ministerien, an das linke Flussufer (des Dnipro, Anm. d. Red.) verlegt“. Die russische Armee werde aber in der Stadt gegen die vorrückenden ukrainischen Truppen kämpfen „bis zum Tod“.

          Zuvor kündigte Saldo gegenüber der staatlichen Nachrichtenagentur Tass an, dass rund 50.000 bis 60.000 Menschen an das Ostufer des Dnipros oder nach Russland gebracht werden. Die „Evakuierung“ werde voraussichtlich etwa sechs Tage dauern. Es stünden schon Boote bereit, sagte Saldo. Bewohner des Gebiets sollen bereits per SMS über die Pläne informiert worden sein.

          Oberbefehlshaber bezeichnet Lage als „angespannt“

          Sein Stellvertreter Kirill Stremoussow forderte über Telegram die Zivilbevölkerung zum Verlassen der Regionalhauptstadt Cherson auf. Die Ukrainer seien in Richtung der Orte Nowa Kamjanka und Beryslaw in die Offensive gegangen, schrieb Stremoussow am Mittwoch. Die Aussiedlung von Bewohnern hat nach Angaben der Besatzer bereits begonnen.

          Der neue Oberbefehlshaber der russischen Besatzungstruppen in der Ukraine, Sergej Surowikin, gab am Dienstagabend zu, dass die Lage in der Region schwierig sei. Die Situation könne als angespannt bezeichnet werden, sagte Surowikin im Gespräch mit Rossija 24. „Der Feind greift gezielt Infrastruktur und Wohngebäude an“, erklärte er.

          In den vergangenen Wochen wurden die russischen Truppen westlich des Dnipro um 20 bis 30 Kilometer zurückgedrängt. Ihnen droht nun, an das Westufer des Flusses zurückgedrängt zu werden. Von dort aus können sie nur schwer in das übrige russisch kontrollierte Gebiet gelangen. Durch Artillerietreffer habe die Ukraine die Übergänge über den Dnipro unpassierbar gemacht, erklärte auch Surowkin gegenüber Rossija 24.

          Die Stadt Cherson fiel im März als einzige ukrainische Gebietshauptstadt in russische Hand. Vor dem Krieg lebten hier fast 300.000 Menschen. Präsident Putin verkündete im Oktober den Anschluss des Gebietes an Russland, was international zu scharfer Kritik führte – unter anderem hat eine klare Mehrheit in der Vollversammlung der UN die Scheinreferenden verurteilt. Am Mittwochnachmittag erklärte Wladimir Putin für die Gebiete Donezk, Luhansk, Cherson und Saporischschja das Kriegsrecht verhängt. Er tat dies anlässlich einer im Fernsehen übertragenen Sitzung des russischen Sicherheitsrats bekannt. Wie aus einem vom Kreml veröffentlichten Dekret hervorgeht, tritt der Beschluss ab Donnerstag in Kraft.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die elf slowakischen MiG-29-Kampfflugzeuge wurden laut dem Verteidigungsministerium in Bratislava noch nicht an die Ukraine geliefert.

          Kampfflugzeuge für Kiew : Liefern, aber nur in Abstimmung

          Nach einer Bitte aus Kiew deuten östliche NATO-Mitglieder an, der Ukraine Kampfflugzeuge liefern zu wollen. Doch eine wesentliche Einschränkung bleibt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.