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Chassiden in Uman : Im neuen Schtetl

Bild: F.A.Z.

Die Juden im ukrainischen Uman wurden von Stalin deportiert, von Hitler ermordet. Das Grab des großen Rabbis verschwand unter Beton. Jetzt sind die Chassiden wieder da. Ihr höchstes Gebot ist echte Freude.

          Rabbi Gedaliah Fleer erzählt. Er ist die Puschkina heraufgekommen, langsam durchs Gewühl seiner Chassiden, ein wenig tapsig mit seinem schweren Körper und seinen kurzsichtigen Kinderaugen. Er ist nicht mehr jung wie damals vor fünfzig Jahren, als er das erste Mal hier hochkam, alleine, verkleidet in geborgten russischen Sachen, zum Grab des großen Rebbe, von den Schilfteichen hoch, wo die Nazis die Juden erschossen. Damals, bei seiner ersten Reise, war Fleer gerade zweiundzwanzig, noch nicht so schwer wie heute, aber dieses ein wenig scheue Lächeln hatte er schon. Es war die Zeit des Generalsekretärs Chruschtschow, Uman eine verbotene Stadt. Die Chassiden sagen, drüben bei der alten Synagoge, die jetzt schon seit zwei Generationen Werkhalle einer Elektronikfabrik ist, habe die Sowjetmacht Navigationssysteme für ihre U-Boote gebaut. Die Stadt, ein staubiges ukrainisches Kaff mit einem Lenin in der Mitte und ein paar Fabriken drum herum, war Sperrgebiet. Auf dem zerstörten Friedhof, wo Rabbi Nachman unter seiner Betonplatte liegt, hatten sie nach dem Krieg für die Arbeiter ein paar Blocks hochgezogen. Die Miliz hatte überall ihre Augen, und Fleer gab den Stummen. Jedes Wort hätte ihn verraten können.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Heute könnte er brüllen, er könnte singen, er könnte in den Schlaglöchern der Puschkina Kasatschok tanzen, er könnte sogar den Schofar blasen, das trötende Widderhorn der gläubigen Juden, das gerade jetzt, am Neujahrstag Rosch Haschana, die himmlischen Gerichte mit Milde füllt. Keiner würde sich wundern, denn Fleer würde nur tun, was alle tun. „Gewöhne dir an zu tanzen“, hatte Nachman von Bratzlaw, der große Rebbe, seinen Chassiden gesagt – „und auch wenn du nicht singen kannst: singe.“

          Aus der ganzen Welt sind sie da

          Und so tanzen sie, dass die Seitenlocken wirbeln. „Uman, Uman, Rosch Haschana“, jubelt es aus geblähten Kehlen, immer wieder wird die dichtgepackte Menge für Sekunden zum Reigen, dreht sich, zerfällt wieder, strömt weiter. Aus der ganzen Welt sind sie da. Die blonden Aschkenasim des europäischen Ostens, die jetzt in Brooklyn und Mea Schearim leben, drehen sich mit den olivbraunen Sepharden des Südens, bärtige Patriarchen aus Flatbush hüpfen im Kreis mit geölten Beachboys aus Tel Aviv, und während Uman tanzt, senden tausend Smartphones die Bilder hinaus, über das Mittelmeer, über den Atlantik, zu den Frauen in New York, zu den Eltern in Jerusalem und Manchester.

          Jedes Jahr in Uman: Jüdische Pilger feiern das Neujahrsfest Rosch Haschana

          Es ist keine Kleinigkeit, wenn ein alter Chasside wie Rabbi Fleer zu erzählen beginnt. Vom wirbelnden Trubel der Hauptstraße hat er sich ins „Uman Ritz Carton“ durchgezwängt, ins improvisierte „Hotel“ seines Freundes Chaim Kramer aus Jerusalem, der im Namen seines Hauses das „l“ fortgelassen hat, um vor Regressforderungen des berühmten „Ritz Carlton“ in New York sicher zu sein. Das „Ritz Carton“ ist nur eine ukrainische Bauernklitsche mit Stockbetten, aber eben das beste Haus an der Puschkina. Jetzt kann der Rabbi Atem holen, um dann in den weiten Teppich aus Leben und Sterben, in die Geschichten der chassidischen Juden seit zehn Generationen die Fäden seiner eigenen Geschichte zu weben.

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