https://www.faz.net/-gpf-70k28

Charkiw während der Fußball-EM : Die Sprache der Macht

Die Stadt kann auch anders - für die Fußball-EM ist Charkiw schön gemacht worden Bild: Alexander Tetschinski

Charkiw ist ein Abbild der Ukraine im Kleinen: Zur Fußball-EM erstrahlt die Industriemetropole. Die Machthaber sprechen im Gaunerjargon - und verdienen gut an der Stadt.

          Der Kernes und der Dobkin drehen einen Film. Dobkin (staatsmännisch): „Wir werden Straßen bauen und Straßen reparieren, anstatt sie nur minimal instand zu setzen.“ Kernes (enerviert): „Kannst du das vielleicht ein wenig ausdrucksvoller hersagen? Mit Gesichtsausdruck? So wie jetzt ist das gefickte Scheiße.“ Dobkin (in gekränkter Würde): „Du könntest vielleicht bessere Texte schreiben. Der da ist Kacke.“ Der Film, ein Studiomitschnitt von der Produktion eines Wahlkampfspots aus dem Jahr 2008, ist ein Schlager in der Ukraine. Nicht nur, dass Dobkins genialer Seufzer „Dieser Text, scheiße, ist ein wenig blöd“ längst zum Klassiker der nationalen Folklore geworden ist - der Wahlspot war auch der Beginn einer Erfolgsgeschichte: Kernes ist heute Bürgermeister der Industriemetropole Charkiw, der mit anderthalb Millionen Einwohnern zweitgrößten Stadt der Ukraine, Dobkin ist Gouverneur des dazu gehörenden Gebietes. Ihre Position ist komfortabel. Durch ihre Zugehörigkeit zum Lager Präsident Viktor Janukowitschs erfreuen sie sich bester Beziehungen zur Hauptstadt, und weil Janukowitschs „Partei der Regionen“ hier im russischsprachigen Osten, rund um Charkiw und die Bergbauregion Donezk, seit je die stärkste Kraft ist, kontrollieren sie im Stadtrat 84 von 100 Mandaten.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Charkiw strahlt. Die Industriemetropole, im Zweiten Weltkrieg die Heimat des legendären Sowjet-Panzers T-34, ist eine von vier ukrainischen Austragungsstätten der Fußball-Europameisterschaft - an diesem Mittwoch spielt dort Deutschland gegen die Niederlande. Es gibt ein nagelneues Flughafenterminal, glitzernde neue Hotels, und das „Metalist“-Stadion schimmert wie ein blauer Kristall. Im Zentrum sind die gewaltigen Kolonnaden der Verwaltungsgebäude aus der Stalin-Ära hinter Bildfolien mit Wappen und Fußball-Maskottchen abgetaucht, und eine großzügig mit VIP-Zelten und Biertresen ausgestattete Fan-Zone füllt den „Majdan Swobody“, der in Anspruch nimmt, der zwölftgrößte Platz der Welt zu sein.

          Eine Klinik macht Charkiw zum Symbol der anderen Ukraine

          Aber es gibt in Charkiw noch andere Bilder und Bauwerke. Eines steht draußen am Rand der Stadt, ein grauer Betonquader wie aus den letzten Jahren der Sowjetunion. Monotone Fensterreihen Stockwerk über Stockwerk - alles wie immer, wenn da nicht eine Milizstreife am Eingang döste, die Mützen in der Junihitze schläfrig in den Nacken geschobenen, und wenn nicht eine Fensterflucht im obersten Stock mit Gitter und Sichtschutzfolie verschlossen wäre: das Ukrsalischnitsja-Spital, die Klinik der ukrainischen Eisenbahngesellschaft. Seit Monaten wird hier unter ständiger Video-Beobachtung die in der Haft schwer erkrankte ukrainische Oppositionsführerin Julija Timoschenko gefangengehalten. Westliche Regierungen haben gegen ihre aus westlicher Sicht willkürliche Verurteilung heftig protestiert, und der Betonriegel des Krankenhauses am Rand von Charkiw ist längst zu einem Symbol für die Unterdrückung der Opposition unter Präsident Janukowitsch geworden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.