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Kreml-Kritiker im Koma : Charité-Ärzte gehen von Vergiftung Nawalnyjs aus

  • Aktualisiert am

Alexej Nawalnyj, hier im Juli 2019, bei einer Demonstration in Moskau Bild: dpa

Die Berliner Charité hat Hinweise auf eine Vergiftung des Kreml-Kritikers Alexej Nawalnyj gefunden, sein Gesundheitszustand sei ernst. Kanzlerin Merkel und die EU fordern Russland nun „dringlich“ auf, den Fall aufzuklären.

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          Das Ärzte-Team der Berliner Charité hat nach einer ersten Untersuchung des Putin-Kritikers Alexej Nawalnyj Hinweise auf eine Vergiftung gefunden. Wie die Charité am Montag mitteilte, weisen die klinischen Befunde auf eine Vergiftung durch eine Substanz aus der Wirkstoffgruppe der Cholinesterase-Hemmer hin.

          Die genaue Substanz sei bislang nicht bekannt und es wurde eine weitere breitgefächerte Analytik initiiert. Die Wirkung des Giftstoffes, also die Cholinesterase-Hemmung im Organismus, sei mehrfach und in unabhängigen Laboren nachgewiesen. Entsprechend der Diagnose werde Nawalnyj mit dem Gegenmittel Atropin behandelt. Der Ausgang der Erkrankung bleibe unsicher und Spätfolgen, insbesondere im Bereich des Nervensystems, könnten zum jetzigen Zeitpunkt nicht ausgeschlossen werden. Es bestehe aber keine akute Lebensgefahr. Nawalnyjs Sprecherin Kira Jarmysch teilte über Twitter mit, er liege weiterhin im Koma.

          Bundeskanzlerin Angela Merkel und Außenminister Heiko Maas forderten am Montagabend von russischen Behörden eine umfassende Aufklärung des mutmaßlichen Anschlags auf Nawalnyj. „Nach Aussage des Ärzteteams an der Charité weisen die klinischen Befunde auf eine Vergiftung von Nawalnyj hin“, teilten beide Politiker in einer Erklärung mit. Angesichts der herausgehobenen Rolle Nawalnyjs in der politischen Opposition in Russland seien die dortigen Behörden nun „dringlich“ aufgerufen, diese Tat bis ins letzte und transparent aufzuklären. „Die Verantwortlichen müssen ermittelt und zur Rechenschaft gezogen werden“, fordern die Kanzlerin und der Außenminister. Sie hofften, dass Nawalnyj wieder völlig genese.

          Auch die EU forderte von Moskau am Montagabend eine „unabhängige und transparente Untersuchung“. Die Europäische Union verurteile schärfstens den „mutmaßlichen Angriff auf Nawalnyjs Leben“, erklärte der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell am Montagabend in Brüssel.

          „Wir haben ihn gerettet“

          Die behandelnden Ärzte sind nach Angaben der Charité mit der Ehefrau von Nawalnyj in engem Austausch. Im Einvernehmen mit seiner Ehefrau gehe die Charité davon aus, dass die öffentliche Mitteilung zum Gesundheitszustand in seinem Sinne ist.

          Die Ärzte, die Nawalnyj in Sibirien behandelt hatten, verteidigten ihr Handeln angesichts der aktuellen Entwicklung: „Wir haben den Patienten versorgt, und wir haben ihn gerettet. Es gab keinen Einfluss von außen auf die Behandlung des Patienten“, sagte der Chefarzt der Klinik in Omsk, Alexander Murachowski, am Montag.

          Nawalnyjs Frau Julia (l.) am Montag mit einer Begleiterin an der Charité in Berlin
          Nawalnyjs Frau Julia (l.) am Montag mit einer Begleiterin an der Charité in Berlin : Bild: dpa

          Nawalnyjs engster Kreis geht davon aus, dass der 44 Jahre alte Putin-Kritiker vergiftet wurde. Die russischen Ärzte sprachen dagegen von Stoffwechselproblemen. Die Ärzte in Omsk hatten aus ihrer Sicht „nichts zu sagen“, sagte Nawalnyjs Vertraute Ljubow Sobol dem „Spiegel“. „Im Büro des Chefarztes saßen Mitarbeiter der Sicherheitsbehörden.“ Sie hätten mit unterschiedlichen Methoden „lange auf Zeit gespielt, bis das Gift wohl nicht mehr in Nawalnyjs Körper nachweisbar war. Dann erst konnte er ausgeflogen werden nach Berlin.“ Chefarzt Murachowski sagte, dass die Männer in seinem Büro keinen Druck ausgeübt hätten. „Ich kann nicht sagen, wer das war. Ich kann nicht sagen, dass sie irgendetwas gemacht haben.“

          Nawalnyj ist seit Jahren der führende Kopf der liberalen Opposition in Russland. Auf den Regierungskritiker hatte es schon mehrfach Anschläge gegeben. Der Aktivist hat sich mit seinen Recherchen zu Korruption und Machtmissbrauch viele Feinde gemacht. Nawalnyj spricht dieses Thema so deutlich an wie kaum jemand sonst in Russland.

          In der Klinik wird er von Beamten des Bundeskriminalamts (BKA) bewacht. „Schließlich handelt es sich um einen Patienten, auf den mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit ein Giftanschlag verübt worden ist“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag in Berlin, noch bevor die Charité ihre Untersuchungsergebnisse bekannt gab.

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