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Demonstrationen in Russland : Sie wollen keinen Kreml-Karrieristen

Zudem hatte sich Furgal, der vor seiner Gouverneurswahl viele Jahre von der Justiz unbehelligt im Moskauer Parlamentsunterhaus, der Duma, saß, in der Region als volksnaher Problemlöser einen guten Ruf erworben, mit Beliebtheitswerten über denen Putins. So spielte in Chabarowsk keine Rolle mehr, dass Furgal für die Liberal-Demokratische Partei (LDPR) von Wladimir Schirinowski, einem Veteranen der Radau-Politik, angetreten war, die im scheindemokratischen Moskauer System eine Oppositionsrolle spielt.

Dem Kreml kam es nach der Verhaftung zu, Ersatz für Furgal auszuwählen. Denn die örtliche Bevölkerung wählt ihre Gouverneure, die Putin aber entlassen kann, was er im Fall von Strafermittlungen wegen „Vertrauensverlustes“ meist prompt macht. Im besonders heiklen Fall Furgal zögerte der Präsident ganze elf Tage, bis er am vergangenen Montag Degtjarjow als „geschäftsführenden Gouverneur“ nach Chabarowsk schickte. Diese „Wahl“ brachte die Demonstranten noch stärker in Wallung: Degtjarjow gehört zwar wie Furgal der LDPR an, stammt aber aus dem Tausende Kilometer von Chabarowsk entfernten Kujbyschew an der Wolga, dem heutigen Samara.

Zudem ist Degtjarjow ein typischer Vertreter von Putins Machtsystem. In Samara trat er der Partei Einiges Russland bei, machte dann aber nach einer Bekanntschaft mit Schirinowski in dessen Partei eine Moskauer Karriere. An deren Wurzeln erinnern jetzt Demonstranten in Chabarowsk höhnisch mit Fotos: Sie zeigen Degtjarjow und Schirinowski, der sich gerne mit spärlich bekleideten jungen Männern umgibt, zusammen in der Banja (der russischen Sauna), der Parteiführer schaut dem jungen Gefährten in den Mund, als prüfte er ein Pferd vor dem Kauf.

Degtjarjow fiel mit Albernheiten auf

In der Duma fiel Degtjarjow mit skurrilen, aber Kreml-konformen Ideen auf, wie dem Verbot des Dollars in Russland und einem Nationalfeiertag „der Nüchternheit“. Er kandidierte als Zählkandidat bei Bürgermeisterwahlen in Moskau mit erwarteter Erfolglosigkeit und widmete sich provokativen Albernheiten, die in Russland mit dem Anglizismus „Trolling“ bezeichnet werden. So lief der gute Sportler, ein früherer Fechter, 2018 vor der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland mit der Auswahl der Duma in einem Fußballspiel gegen eine Elf des deutschen Bundestags mit der Rückennummer 88 auf, einem rechtsextremistischen Code für „Heil Hitler“, und empfing eine deutsche Journalistin zum Interview mit historischen Bildbänden auf Deutsch über die Olympischen Spiele 1936 in Berlin.

Derlei Nonchalance ist systembedingt, eine Folge davon, dass Politiker wie Degtjarjow nicht Wählern verantwortlich sind, sondern ihren „Kuratoren“ genannten Weisungsgebern im Kreml. Wie Schirinowski, der sich zwar kurz nach Furgals Verhaftung lautstark für den Parteifreund einsetzte, dann aber auf einmal handzahm wurde. Offenbar wertete der Kreml die Entsendung eines „oppositionellen“ LDPR-Mannes als Entgegenkommen gegenüber der Bevölkerung von Chabarowsk. Dort aber ist ein Volkstribun gefragt, kein Kreml-Karrierist: „Wir brauchen Furgal“, lautet ein Ruf der Demonstranten. „Degtjarjow, geh in die Banja“, fordern sie.

Der neue Gouverneur weigerte sich, die Demonstranten zu treffen, machte „ausländische Bürger“ für die Proteste verantwortlich und verließ die Stadt vor der Großdemonstration am Samstag für eine Kennenlerntour durch die Region. Als er auf dem Weg Unterstützer Furgals sah, ließ er seinen Wagen stoppen und sagte den Unzufriedenen laut einer von Degtjarjows eigenen Leuten veröffentlichten Videoaufzeichnung, er sei „bereit zum Dialog mit den Menschen“. Aber nicht bei einer Demonstration: „Wie stellt ihr euch das vor, dass ich zu einer Menge von einigen tausend Menschen gehe?“

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