https://www.faz.net/-gpf-92nv5

Abspaltung Kataloniens : Chaostag in Barcelona

Viele Katalanen reagieren geschockt auf die Rede ihres Regionalpräsidenten Carles Puigdemont. Bild: Reuters

Erst sind die Separatisten enttäuscht: Puigdemont ruft keine Republik aus, sondern will weiter verhandeln. Aber dann unterzeichnen die Abgeordneten in der Nacht doch eine Unabhängigkeitserklärung.

          2 Min.

          Die Rede ist noch nicht zu Ende, da verlassen schon Scharen den Boulevard Lluís Company. Rote Rosen landen auf dem Boden neben Bierdosen, ein Pfeifkonzert ertönt.  Trotzig wickelt eine ältere Frau ihre katalanische Fahne ein. Die Jugendorganisation der linksradikalen CUP-Partei spricht von „Verrat“. Knapp eine Stunde zuvor hatte die Menge Regionalpräsident Carles Puigdemont noch als einen Held gefeiert. „Präsident, Präsident!“ riefen sie auf dem Boulevard vor dem Triumphbogen, als der Regierungschef endlich ans Rednerpult tritt. Die Plenarsitzung wird auf zwei Großbildschirmen live übertragen.

          Helene Bubrowski
          Politische Korrespondentin in Berlin.
          Hans-Christian Rößler
          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Die Erwartung ist groß. Die Spannung steigt, nachdem sich der Beginn der Sitzung um eine Stunde verschoben hatte. Sofort schießen die Gerüchte ins Kraut: Will die Europäische Kommission Puigdemont noch in letzter Sekunde von der Unabhängigkeitserklärung abbringen? Brüssel dementiert sofort. Dann hörte man, der CUP, die die Regierung toleriert, gehe die geplante Erklärung nicht weit genug. Erste Zweifel kamen auf, ob abends wirklich die große Party beginnen kann. Doch tapfer halten Männer und Frauen, Junge und Alte ihre Fahnen in die Höhe und stimmen die katalanische Hymne an. Dem am Himmel kreisenden Hubschrauber der Guardia Civil zeigen sie den ausgestreckten Mittelfinger: „Verschwindet, ihr Besatzungsmächte!“, brüllen viele auf Katalanisch.

          Als Puigdemont dann anfängt zu reden, erhält er noch begeisterten Applaus. Dann rekapituliert er den katalanischen Unabhängigkeitskampf der vergangenen Jahre: die Entscheidung für ein Referendum, das Überwinden aller Widerstände, und schließlich das Ergebnis der Volksabstimmung: Neunzig Prozent für die Unabhängigkeit – so sehen es jedenfalls die Separatisten, die die Mehrheit der Nichtwähler nicht mitzählen. „Ich übernehme das Mandat des Volkes, damit Katalonien ein unabhängiger Staat in Form einer Republik werden kann“, sagt er und variiert damit nur leicht die Frage, die die Wähler am 1. Oktober beantworteten. Auch für diesen vorsichtigen Satz jubeln ihm die Menschen hoffnungsvoll zu. „Wir sind keine Verbrecher, keine Verrückten, keine Putschisten. Wir haben nichts gegen die Spanier“, sagt er und wechselt für diese Sätze ins Spanische. Aber dann folgen nur noch wenige Worte über das weitere Verfahren, die für viele enttäuschend sind: Puigdemont kündigt an, mit der Umsetzung des Ergebnisses der Volksabstimmung „einige Wochen“ zu warten, um Verhandlungen eine Chance zu geben. Er bezeichnete sein Angebot als „eine Geste der Großzügigkeit“, auf das man in Madrid und im Ausland hoffentlich ähnlich reagieren werde. In einer Bar unweit des Platzes feiern unverdrossen einige Männer den „Beinahe-Unabhängigkeitstag“, wie einer von ihnen ironisch meint. 

          Aufschub trotz Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung

          Puigdemont versucht den Spagat zu schaffen, seine Anhänger nicht zu enttäuschen und gleichzeitig drastische Reaktionen aus Madrid zu verhindern, wo am Abend zunächst noch Schweigen herrscht. Als die meisten Demonstranten schon längst wieder zu Hause sind, hat sich die Lage schon wieder geändert. Nach der Parlamentsdebatte unterzeichnen alle 72 Abgeordneten, die einen eigenen Staat befürworten, die Unabhängigkeitserklärung. Darunter sind auch Puigdemont, sein Stellvertreter Oriol Junqueras und Parlamentspräsidentin Carm Forcedall. Doch die Unabhängigkeit soll offenbar trotzdem aufgeschoben werden. Vieles war am Dienstagabend noch nicht ganz klar.

          So ging es offenbar auch der Zentralregierung in Madrid. Dort eilt Oppositionsführer Pedro Sánchez zu einem Krisengespräch mit Ministerpräsident Mariano Rajoy. Auf einmal ist wieder die Rede vom Artikel 155, der es Madrid erlaubt, die Kontrolle über Katalonien an sich zu ziehen. In einer ersten Stellungnahme in der Nacht spricht Rajoys Stellvertreterin Soraya Sáenz de Santamaría: Ein Gesetz, das es nicht gebe, könne gar nicht angewandt werden, sagte sie über das Referendum, das Madrid nie anerkannt hat, und dessen Folgen. Doch dabei wird es nicht bleiben. An diesem Mittwoch hat Ministerpräsident Rajoy sein Kabinett zu einer außerordentlichen Sitzung einberufen, am Nachmittag will er vor dem Parlament in Madrid reden. Das Thema soll die Entmachtung der Regierung in Katalonien sein, heißt es.

          Weitere Themen

          Bannon droht Strafverfolgung

          Früherer Trump-Berater : Bannon droht Strafverfolgung

          Weil Steve Bannon eine Vorladung von den Ausschuss ignoriert hat, der den Sturm auf das Kapitol aufklären will, muss er sich auf strafrechtliche Schritte gefasst machen. Die Entscheidung liegt nun beim Justizminister.

          Macron als Weihnachtsmann der Nation

          Einmalzahlung für Franzosen : Macron als Weihnachtsmann der Nation

          Nach der Ankündigung einer Einmalzahlung für alle Franzosen mit einem Nettogehalt von weniger als 2000 Euro wird Frankreichs Präsident Emmanuel Macron heftig kritisiert. Nicht nur aus der Politik – sondern auch von Bürgern.

          Topmeldungen

          Der französische Präsident Emmanuel Macron am 20. Oktober bei der Eröffnung der FIAC, Frankreichs größte Messe für zeitgenössische Kunst, in Paris

          Einmalzahlung für Franzosen : Macron als Weihnachtsmann der Nation

          Nach der Ankündigung einer Einmalzahlung für alle Franzosen mit einem Nettogehalt von weniger als 2000 Euro wird Frankreichs Präsident Emmanuel Macron heftig kritisiert. Nicht nur aus der Politik – sondern auch von Bürgern.
          Stau vor den Häfen von Los Angeles und Long Beach - die Lieferengpässe machen auch der deutschen Wirtschaft zu schaffen.

          Konjunktur : Der Aufschwung kommt fast zum Erliegen

          Für Fachleute sind es „besorgniserregende“ Signale aus der Wirtschaft im Oktober: Das Wachstum stagniert – und die Preise steigen weiter.
          Procter & Gamble besitzt viele Marken für Güter, die Menschen auch in Krisenzeiten verwenden, so auch Zahnbürstenmarke Oral-B.

          Scherbaums Börse : Die robuste Langweiler-Aktie aus Cincinnati

          Mit zunehmender Inflationsangst schauen immer mehr Anleger auf Unternehmen, die sich in einem schwierigen Marktumfeld robust präsentieren. Ein amerikanischer Konzern meistert solche Zeiten bereits seit mehr als 130 Jahren erfolgreich.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.