https://www.faz.net/-gpf-6m46z

Cameron spricht zur Murdoch-Affäre : Ein Neuanfang für die britische Politik?

David Cameron sagt, er habe dem gefallenen Boulevardjournalisten Coulson eine zweite Chance geben wollen Bild: AFP

Die Vorwürfe gegen die „News of the World“ bestehen seit Jahren. Wieso stellte Premierminister Cameron trotzdem dessen ehemaligen Chefredakteur als Sprecher ein? Weil er sich besseren Zugang zu Rupert Murdoch erhoffte.

          3 Min.

          Alles soll besser werden: Seit drei Wochen verfolgen die Briten mit wachsender Wut, wie der Abhörskandal bei der Boulevardzeitung „News of the World“ immer monströsere Ausmaße annimmt. Jetzt versucht Premierminister David Cameron im Parlament in die Offensive zu gehen. Für das Unterhaus wurde am Mittwoch wegen des Skandals eigens der Beginn der Sommerpause um einen Tag verschoben. Der Premierminister selbst ist eilig von einer vorzeitig beendeten Afrikareise nach London zurückgekehrt. Unter Johlen und Zwischenrufen der Abgeordneten präsentierte ein sichtlich erregter Cameron im Unterhaus einen ganzen Katalog von Maßnahmen, um den politischen Flurschaden einzudämmen, den der seit Jahrzehnten größte Medienskandal im Land verursacht hat.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Medienregulierung soll überarbeitet werden, um skrupellose Recherchemethoden von Journalisten zu unterbinden. Die Polizeibehörden, die in den seit Jahren ruchbaren Bespitzelungen nur schleppend ermittelten und in deren Reihen einige Beamte unter Korruptionsverdacht stehen, sollen reformiert werden. Alle Parteien müssten ihren Schmusekurs mit den Herrschern über die Massenmedien des Landes beenden, forderte Cameron. „Ein Neuanfang“ der Politik im Umgang mit den Mächtigen der Medien sei notwendig.

          Eigentlich hat das Land genügend andere Probleme. Die Wirtschaft wächst kaum, die Inflation steigt bedenklich, die Grausamkeiten des Sparprogramms der Regierung werden in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens brutal spürbar. Auf der anderen Seite des Ärmelkanals braut sich im Euro-Raum eine Währungskrise zusammen, die auch für Großbritannien gefährlich ist. Aber seit Wochen werden Fernsehnachrichten und Zeitungsschlagzeilen auf der Insel von einem Thema beherrscht: Seitdem Anfang des Monats bekannt wurde, dass die „News of the World“ sogar die Handy-Mailbox eines ermordeten Schulmädchens geknackt hatte, gibt es kein Halten mehr in der seit Jahren schwelenden Affäre. Insgesamt sollen die Journalisten über Jahre hinweg die Mobiltelefone von tausenden von Bürgern quer durch alle Gesellschaftsschichten abgehört haben. Und dass nur die „News of the World“ solche kriminellen Methoden angewandt haben soll, glauben immer weniger Briten. „Es wäre naiv anzunehmen, dass dies auf eine Mediengruppe beschränkt ist“, sagte Cameron am Mittwoch.

          Cameron hat die Brisanz der Affäre unterschätzt

          Was diesen Skandal angeht, sitzt allerdings der Premierminister selbst im Glashaus. Cameron musste im Parlament eingestehen, dass auch er die Brisanz der Affäre unterschätzt habe. Sein im Januar zurückgetretener Sprecher Andrew Coulson war bis 2007 Chefredakteur der Skandalzeitung und hatte diesen Posten damals wegen der Abhöraktionen räumen müssen. Die Vorwürfe gegen die „News of the World“ bestehen seit Jahren, ein Mitarbeiter des Blattes wurde wegen Handy-Spitzeleien schon vor vier Jahren zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.

          Warum hat Cameron Coulson trotzdem zu seinem Sprecher gemacht und an ihm lange festgehalten, obwohl die Hinweise auf eine Verstrickung Coulsons immer konkreter wurden? Naheliegend ist eine Antwort: Der Regierungschef von der Konservativen Partei versprach sich dadurch besseren Zugang zu dessen früherem Arbeitgeber. Die „News of the World“ war Teil des Medienkonzerns von Rupert Murdoch, dem mittlerweile zur Hassfigur gewordenen größten Zeitungsverleger in Großbritannien.

          Miliband spricht von „katastrophaler“ Fehlentscheidung

          „Eine zweite Chance“ habe er dem gefallenen Boulevardjournalisten geben wollen, sagte Cameron am Mittwoch. Bislang sei Coulson nicht nachgewiesen worden, dass er als Chefredakteur von den kriminellen Machenschaften seiner Journalisten gewusst habe. „Ich bin der altmodischen Auffassung, dass jemand solange als unschuldig anzusehen ist, bis seine Schuld bewiesen ist“, sagt Cameron nun – und gibt doch zu, dass er die Personalentscheidung „im Rückblick“ bedauere.

          Labour-Oppositionsführer Ed Miliband geißelt Camerons Coulson-Pleite als „katastrophale“ Fehlentscheidung und bekam am Mittwoch postwendend die Retourkutsche des Premierministers präsentiert. Genüsslich zitierte der angegriffene Cameron, was Rupert Murdoch am Dienstag in einer öffentlichen Parlamentsanhörung über sein Verhältnis zum früheren Labour-Regierungschef Gordon Brown gesagt hatte: Keinen britischen Politiker habe er so oft zu Gesprächen getroffen wie Brown, gab Murdoch zu Protokoll. Der Medienzar, zu dem nun alle auf Distanz gehen, hatte eben viele Freunde.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Grüne in Hamburg : Zweiter Platz, erster Verlierer

          Die Grünen legen erheblich zu, verpassen aber schon wieder eine große Chance: in einem zweiten Bundesland eine Regierung anzuführen. Für Robert Habeck und Annalena Baerbock wird es damit nicht leichter, ihren Anspruch auf Platz eins bei der nächsten Bundestagswahl glaubwürdig zu machen.
          Tänzer proben für den hohen Besuch: Agra bereitet sich auf Donald Trump vor.

          Besuch in Indien : Ein Spektakel, wie es Trump und Modi lieben

          Wenn der amerikanische Präsident nach Indien reist, geht es mehr um Bilder fahnenschwenkender Anhänger als um konkrete Vereinbarungen. An die Stelle eines Handelsabkommens dürften die Rüstungsverträge treten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.