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Flechette-Munition in Butscha : Offenbar Dutzende Zivilisten mit Metallpfeilen getötet

Getötete Zivilisten: Exhumierung Mitte April in Butscha Bild: dpa

Ukrainische Gerichtsmediziner finden bei der Autopsie von Menschen aus Massengräbern Hinweise auf den Einsatz besonders heimtückischer Munition.

          2 Min.

          Die russischen Streitkräfte haben bei ihrer Offensive nordwestlich von Kiew im März offenbar besonders heimtückische Munition eingesetzt, durch die Dutzende Zivilisten getötet wurden. Das geht aus einem Bericht des britischen „Guardian“ hervor, der am Sonntag veröffentlicht wurde und sich auf ukrainische Gerichtsmediziner beruft. Dabei soll es sich um so genannte Flechette-Munition handeln. Dem Bericht zufolge können mit einer Artilleriegranate bis zu 8000 dieser kleinen Metallpfeile verschossen werden. Die Granate explodiere per Zeitzünder über dem Ziel, anschließend gingen die Pfeile auf einen bis zu 300 Meter breitem und 100 Meter tiefem Streifen nieder. Die besondere Heimtücke der Pfeile soll darin bestehen, dass sie, wenn sie Menschen treffen, im Körper zerbrechen, verbiegen und so weitere Verletzungen hervorrufen können.

          Lorenz Hemicker
          Redakteur in der Politik

          Erste Hinweise auf den Einsatz von Flechette-Munition in der Region waren bereits am 18. April öffentlich geworden. Ein Ehepaar hatte der „Washington Post“ bei einem Besuch vor Ort eine Reihe drei Zentimeter lange Metallpfeile gezeigt, die in Gärten und Autos steckten. Die Anwohnerin sagte, sie habe die Pfeile am Morgen des 25. März nach einer Nacht intensiven Artilleriebeschusses beider Kriegsparteien vorgefunden.

          „Nagelartige Objekte“

          Gerichtsmediziner bestätigten nun, dass auch Menschen durch die Flechette-Munition getötet wurden. Man habe mehrere „nagelartige Objekte“ in den Körpern von Männern und Frauen aus Massengräbern gefunden, so der ukrainische Gerichtsmediziner Vladyslav Pirovskyi gegenüber dem „Guardian“. Das sei sehr schwer gewesen, weil sie sehr schmal gewesen seien. Aber auch andere Gerichtsmediziner hätten die Metallpfeile gefunden. Die Mehrheit der Körper soll laut Pirovskyi aus der Region rund um die Städte Butscha und Irpin im Oblast Kiew stammen. Dort war es im März zu schweren Kämpfen zwischen den russischen Angreifern und den ukrainischen Verteidigern gekommen. Moskaus Truppen brachen die Offensive nordwestlich der Hauptstadt erfolglos ab und zogen sich zurück. Im Anschluss fanden sich in der Region Hinweise auf Kriegsverbrechen. Allein in Butscha sollen nach Schätzung des UN-Hochkommissariats für Menschenrechte 50 Zivilisten getötet worden sein.

          Dass die Flechette-Munition von russischer Seite abgefeuert wurde, gilt als höchstwahrscheinlich. „Die Spurenlage ist ein schweres Indiz für einen russischen Angriff“, sagte der deutsche Waffen- und Munitionssachverständige Lars Winkelsdorf am Montag der F.A.Z. Zwar hätten sowohl Kiew als auch Moskau sowjetische Beständen an Flechette-Munition übernommen. Doch hätten die Ukrainer sie Ende der 90er-Jahre aufgehört zu nutzen. Anders sieht es offenbar auf russischer Seite aus. Der britische Waffenfachmann Neil Gibson wies vor zwei Wochen auf Twitter darauf hin, dass die russische Seite mit der 3Sh1 über eine 122-Milimeter-Flechette-Granate verfüge. Es soll sich laut Gibson dabei um ein Äquivalent zum amerikanischen Antipersonenprojektil „Beehive“ handeln.

          Einsätze von Flechette-Projektilen sind äußerst selten. Konzipiert wurden sie ursprünglich, um große Mengen anstürmender Infanterie im freien Gelände zu bekämpfen, zum Einsatz kam sie dann während des Ersten Weltkriegs. Die Amerikaner setzten Flechette-Munition später im Vietnamkrieg ein, Amnesty International wirft zudem Israel vor, Flechette-Munition im Winter 2008/2009 im Gazastreifen eingesetzt zu haben. Als Träger für die Pfeilmunition, die es in vielen unterschiedlichen Versionen gibt, sind bislang Flugzeuge genauso zum Einsatz gekommen wie Panzer und Rohrwaffen. Das humanitäre Völkerrecht verbietet ihren Einsatz nicht. Jedoch sollen sie laut Angaben von Amnesty International nicht in dicht besiedelten Gebieten zum Einsatz kommen. Eine Maßgabe, an die sich die russischen Streitkräfte im Ukraine-Krieg schon vielfach nicht gebunden fühlten.

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