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Burma : Zehntausende auf der Flucht

  • -Aktualisiert am

Nirgendwo erwünscht. Ein Rohingya weint vor der burmesischen Botschaft in Bangkok Bild: dapd

Während Burma sich allmählich demokratisiert, werden Zehntausende Muslime im Land weiter diskriminiert. Ein Bericht über die Rohingya, das „vergessene Volk.“

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          Die Welt verfolgt mit Wohlwollen den Wandel in Burma. Präsident Thein Sein hat Schritte zur Demokratisierung unternommen. Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi reist als Quasi-Außenministerin herum und mahnt unter dem Jubel der Würdenträger zu „vorsichtigem Optimismus“. Doch in einem Teil des Landes sind Zehntausende Menschen in einer akuten humanitären Notlage. „Es bahnt sich eine Flüchtlingskrise an“, sagt Chris Lewa. Die Belgierin leitet das in Bangkok ansässige Arakan Project, das sich um die muslimischen Rohingya kümmert, die in Burma nicht als nationale Minderheit anerkannt werden. Bei ethnischen Ausschreitungen in den Rohingya-Gebieten im Rakhaing-Staat (Arakan) waren seit Monatsanfang 80 Menschen getötet worden. Nun sind nach Angaben der Vereinten Nationen 90000 Menschen auf der Flucht. Viele versuchen, in das angrenzende Bangladesch zu gelangen. Doch von dort werden die burmesischen „Boatpeople“ zurückgeschickt.

          Hunderte Rohingya protestieren vor Burmas Botschaft in Bangkok

          Die Rohingya sehen sich schon länger als „vergessenes Volk“. Am Donnerstag protestierten Hunderte von ihnen vor der burmesischen Botschaft in Bangkok. Sie hielten Plakate hoch und riefen „Allahu Akbar“. Die im Exil lebenden Rohingyas werfen der Regierung vor, sie betreibe eine systematische Verfolgungskampagne gegen ihre Brüder und Schwestern in Burma. Sie sehen sich sogar als Ziel ethnischer Säuberungen. „Wir rufen Thein Sein auf, den Genozid an den Rohingya sofort zu beenden“, sagte der Vorsitzende der Rohingya-Vereinigung in Thailand, Maung Kyaw Nu. Bei den Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und Buddhisten waren in den vergangenen zwei Wochen ganze Dörfer niedergebrannt worden. Zwar hat es auf beiden Seiten Gewalt gegeben, aber die rund 800000 Rohingya sehen sich als die eigentlichen Opfer. Sie müssen schon seit Jahrzehnten mit schweren Diskriminierungen leben.

          Ein Bewohner von Kutupalong (Bangladesh) blickt auf eine Banderole vor dem lokalen Rohingya-Flüchtlingscamp. Die Bevölkerungsgruppe ist dort nicht willkommen. Bilderstrecke
          Ein Bewohner von Kutupalong (Bangladesh) blickt auf eine Banderole vor dem lokalen Rohingya-Flüchtlingscamp. Die Bevölkerungsgruppe ist dort nicht willkommen. :

          Auslöser der Unruhen war die Vergewaltigung und Ermordung einer Buddhistin, die drei muslimischen Männern angelastet worden war. Zwei von ihnen sind mittlerweile zum Tode verurteilt worden. Ein Mob hatte darauf einen Bus mit Muslimen angegriffen und zehn Passagiere gelyncht. Dann soll es zu Vergeltungsschlägen durch Muslime auf Buddhisten gekommen sein und zu buddhistischen Gegenangriffen auf die Siedlungen der Rohingyas. Einer offiziellen Bilanz nach wurden 2825 Häuser niedergebrannt, davon gehörten 1336 Rohingyas. Die Auseinandersetzungen verliefen offenbar vor allem zwischen den Rohingyas und der in dem Gebiet ebenfalls ansässigen buddhistischen Minderheit der Rakhaing. Die örtliche Hauptstadt Sittwe, deren Bevölkerung sich jeweils zur Hälfte in Muslime und Buddhisten teilt, wurde besonders schwer getroffen.

          Viele Burmesen sehen die Rohingya als illegale Einwanderer

          Beunruhigend sind Berichte, wonach sich burmesische Polizisten und Soldaten an den Vergeltungsmaßnahmen gegen Muslime beteiligt haben sollen. Eine weitere Eskalation der Gewalt konnte aber zunächst durch die Verhängung des Ausnahmezustandes verhindert werden. Die Regierung bekam dafür Lob von der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten. Jedoch kritisieren Exil-Rohingyas wie der in Australien lebende Wissenschaftler Hla Myint, dass die Ausgangssperre nur für die Rohingyas gelte. Zudem sieht das Arakan Project von Chris Lewa eine neue Bedrohung für die burmesischen Muslime auftauchen. Demnach häuften sich in Orten wie dem nahe Bangladesch gelegenen Maungdaw seit einigen Tagen die Übergriffe von Soldaten auf die Bevölkerung. Dort würden junge Männer unter dem Vorwand des Notstandes zusammengetrieben und offenbar in hoher Zahl festgenommen; Frauen würden vergewaltigt.

          „Zwar gibt es eine neue reformorientierte Regierung, aber das Verhalten der Armee hat sich nicht geändert“, sagt Chris Lewa über die Lage in Burma. Nachdem zuerst vor allem ganze Familie vertrieben worden war, seien seither vor allem junge Männer auf der Flucht. Wichtigstes Ziel müsse sein, die Flüchtlinge medizinisch zu versorgen, ihnen Unterkunft und Essen bereitzustellen. Langfristig ist die Belgierin aber skeptisch, ob es eine bessere Zukunft für die Rohingya in Burma geben kann. Sie glaubt zwar nicht, dass die Unruhen von der Regierung geplant waren. Jedoch sei der Hass auf die Rohingya so verbreitet, dass selbst unter einer demokratischen Führung Diskriminierungen zu erwarten seien. Viele Burmesen sehen die Rohingya als illegale Einwanderer aus Bangladesch, während die Rohingya sich selbst als Nachfahren einer jahrhundertealten muslimischen Tradition in Burma verstehen. „Sie sind staatenlos, haben keine Rechte und werden schlecht behandelt“, sagt Chris Lewa. Nicht nur der in Australien lebende Hla Myint äußerte sich deshalb enttäuscht, dass sich die Friedensnobelpreisträgerin Aung Saan Suu Kyi in ihren Reden nicht für die Rohingyas eingesetzt habe.

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