https://www.faz.net/-gpf-tmai

Bundeswehr-Skandal : Aus dem Ruder gelaufen

Schwieriger Einsatz: Bundeswehr-Soldaten in Afghanistan Bild: AFP

Die Veröffentlichung der Skandalfotos trifft die Regierung zu einem schlechten Zeitpunkt - und das Selbstbild der Bundeswehr. Haben die Auslandseinsätze die Mentalität der Truppe verändert? Von Stephan Löwenstein

          5 Min.

          Wie es sein soll, steht im Weißbuch. Die Soldaten der „neuen Bundeswehr“ seien „neben ihrer Funktion als Kämpfer auch Helfer, Schützer, Vermittler“, heißt es da. „Intensive ethisch-moralische Bildung trägt nicht nur dazu bei, ein reflektiertes berufliches Selbstverständnis zu entwickeln, sondern fördert auch die Fähigkeit des Einzelnen, in moralisch schwierigen Situationen eigenverantwortlich zu handeln.“ Eine umfassende interkulturelle Bildung schärfe das Bewußtsein für die religiösen und kulturellen Besonderheiten in den jeweiligen Einsatzgebieten. „Damit fördert die Innere Führung die Einsatzbereitschaft der Soldaten und trägt zum Ansehen der Bundeswehr in den Einsatzgebieten bei.“

          Stephan Löwenstein
          Politischer Korrespondent mit Sitz in Wien.

          Soweit die Theorie. Ein Gegenbild aus der Praxis hat am Mittwoch die „Bild“-Zeitung geboten: „Schock-Fotos“ von deutschen Soldaten, die sich in Afghanistan in makabren und auch obszönen Posen mit einem Totenschädel zeigten. Die Bilder stammen angeblich aus dem Frühjahr 2003. Ihre Veröffentlichung hätte zu kaum einem sensibleren Zeitpunkt stattfinden können. Just am Mittwoch fand symbolträchtig im Bendlerblock, dem Berliner Amtssitz des Verteidigungsministers, die Sitzung des Bundeskabinetts statt, in der besagtes Weißbuch zur Sicherheitspolitik beschlossen wurde. Der Auftritt Franz Josef Jungs, dem der CDU-Generalsekretär eilig zu seinem persönlichen Erfolg gratulierte, war von der Wirkung dieser Bilder überschattet. Noch vor dem Einstieg in die Tagesordnung machte Bundeskanzlerin Angela Merkel nach Auskunft ihres Sprechers deutlich, der Vorfall sei „schockierend und abscheulich“ und erfordere eine „gerade und unmißverständliche Reaktion“.

          Auslandseinsätze in der Kritik

          Doch auch jenseits dieses Tageseffekts kommt die Veröffentlichung zu einem Zeitpunkt, da die Auslandseinsätze der Bundeswehr im allgemeinen und der in Afghanistan immer mehr in die Kritik geraten. Die Sicherheitslage verschärft sich zusehends auch im immer noch verhältnismäßig ruhigen Norden, wo die Bundeswehr ihren Einsatzschwerpunkt hat. Ein Ende des Einsatzes ist nicht in Sicht. Zugleich verstärken die Bilder den Eindruck, den die Mißhandlungsvorwürfe des ehemaligen Guantánamo-Häftlings Murat Kurnaz hervorgerufen haben: Die Soldaten liefen im Auslandseinsatz aus dem Ruder.

          Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan versuchte deshalb gegenzusteuern. Man müsse die Vergehen dieser Einzelpersonen in Relation zu dem untadeligen Verhalten der vielen tausend anderen sehen, die im Einsatz sind: Annähernd zehntausend Bundeswehrsoldaten sind das zur Zeit, und mehr als 200.000 waren es insgesamt seit den neunziger Jahren. „Wenn man das in einen Zusammenhang setzt, relativiert sich das.“ Mit solchen Fehlleistungen müsse man „vernünftig umgehen“. Die Belastung der Soldaten sei seit 1995 „unvergleichlich“ mit der Zeit zuvor. Darauf werde in der Ausbildung reagiert, „und wir steuern auch nach“.

          Intensive Vorbereitung

          In der Tat wird jeder Soldat vor einem Auslandseinsatz in der Heimat intensiv darauf vorbereitet, und die Bundeswehr hält sich zugute, daß das weit über das Einüben militärischer Fähigkeiten hinausgehe. Informationen über die Bevölkerung, Geschichte und Kultur des jeweiligen Einsatzlandes gehören ebenso dazu wie das Üben, wie man sich in Krisensituationen zu verhalten habe. Ziel sei es, die konkreten Einsatzbedingungen und die daraus folgenden Verhaltensweisen realitätsnah zu vermitteln, heißt es auf einer Informationsseite. An den Einsatz schließt sich eine Nachbereitung an. Dazu gehört auch ein Seminar, das dazu dient, die Eindrücke aus dem Einsatz zu verarbeiten und diesen innerlich abzuschließen.

          Weitere Themen

          Gespräche für Hungerstreikenden nach Wahl Video-Seite öffnen

          Laschet bietet an : Gespräche für Hungerstreikenden nach Wahl

          Unions-Kanzlerkandidat Armin Laschet (CDU) hat den Hungerstreikenden in Berlin gemeinsam mit den beiden anderen Kanzlerkandidaten ein Gespräch angeboten - allerdings erst nach der Bundestagswahl. Bei einer Wahlkundgebung in Bremen wurde Laschet immer wieder von Zwischenrufern unterbrochen.

          Topmeldungen

          Arbeiter übermalen ein Bild des inhaftierten Kreml-Kritikers Nawalnyj.

          Duma-Wahl in Russland : Doppelgänger für den Sieg

          Russlands Machthaber wollen den Erfolg bei der Duma-Wahl sichern. Mit Tricks und Unterdrückung gehen sie gegen die Opposition vor. Die kann aber doch einen Erfolg vorzeigen.
          „Komplette Ablehnung von Bitcoin in El Salvador“: Demonstration gegen den Bitcoin in San Salvador

          Unsichere Anlage : Nicht vom Bitcoin narren lassen!

          Die Verheißungen der populärsten Krypto-Anlage sind unerfüllbar, seine Makel werden unterschätzt. Warum der Bitcoin mehr Spuk als Spielerei ist und auch in der Nachhaltigkeit versagt. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.