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Bundeswehr in Kundus : Fassungslosigkeit über die Heimatfront

Deutsche Soldaten im Kundus: „Wir stehen als Kompanie voll und ganz hinter dem Oberst” Bild: dpa

Von einem „Einschnitt“ sprach der Außenminister, von einem „Brennglas“ die Kanzlerin: Für die deutschen Soldaten in Kundus hat sich nach dem verheerenden Luftangriff auf den Tanklastzug die Lage verschärft. Entsetzt verfolgen sie die Debatte über Oberst Klein.

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          Als das Wasser in das umgestürzte Fahrzeug schoss, dachte der Soldat auf dem Beifahrersitz sofort an die drei Kameraden, die im Juni in einem Transportpanzer ertrunken sind. Die Sicherheitsgurte hatten ihn nach der Explosion fest an den Sitz gezogen. Der Oberfeldwebel hatte die Augen offen gelassen, solange es ging, um besser reagieren zu können. Er hatte den roten Blitz aus dem Auto des Selbstmordattentäters gesehen, und wie dessen Tür sich „aufpellte“. „Dann war da schon der Blast.“ Den elf Tonnen schweren Dingo-Transporter schleuderte es längs und quer um die eigene Achse, bis er in einen Wassergraben stürzte.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent mit Sitz in Wien.

          Der Mann sah zu, dass sein Fahrer, der unten lag, herauskam, dann schnitt er sich selbst los und kletterte aus dem Dingo, dessen Panzerung seinen Insassen das Leben gerettet hatte. Auch die anderen konnten schnell herauskommen; zum Glück war der Graben diesmal nicht so tief. Dann griff sofort die Routine: Umgebung sichern, sich um verwundete Kameraden kümmern, die womöglich unter Schock stehen, nach möglichen anderen Bomben suchen.

          „Die Kompanie wusste, was auf sie zukommt“

          Es sind sehr einsatzerfahrene Männer und Frauen, die Soldaten der Infanteriekompanie aus dem Fallschirmjägerbataillon 261, das zu Hause im saarländischen Lebach stationiert ist. Seit Somalia 1993 ist diese Truppe auf fast allen Schauplätzen gewesen, wo die Bundeswehr an Land eingesetzt wurde, von Kongo bis Kundus. Hier waren sie erst letztes Jahr schon einmal gewesen. „Die Kompanie wusste, was auf sie zukommt“, sagt ihr Chef, Hauptmann Thomas K. Der Unterschied zum vorigen Jahr ist signifikant. 14 „Tics“ hat diese Truppe bereits gehabt, seit sie Anfang Juli wieder hierher kam; das Kürzel steht im Nato-Jargon für Feindberührungen, „Troops in Contact“.

          Darunter waren zwei schwere Feuergefechte, die sich über mehrere Stunden hinzogen. Am Dienstag, als der Generalinspekteur der Bundeswehr, Wolfgang Schneiderhan, die Truppe in Kundus besucht, wird ein weiterer gemeldet: „IED in Taloqan“, ruft ein Soldat in eine Gesprächsrunde. Eine Bodenmine, aber keine Verletzten. Erleichtert stößt der General die Luft aus.

          „Eindeutig Mord“

          „Man kann sich als Soldat nicht mehr frei bewegen“, sagt Hauptfeldwebel W., der eine Teileinheit der Kompanie führt, den „Golf“-Zug. Letztes Jahr sind sie noch in leicht geschützten Fahrzeugen in die Dörfer gefahren, um mit den Leuten zu sprechen. Jetzt brauchen sie die schweren Dingos und Fuchs-Transportpanzer. Die böten guten Schutz, sagt ein anderer Zugführer, aber man sei aufgrund der Größe und des Gewichts mit ihnen auch „gehandicapt“. Und früher seien sie „mit offenen Armen empfangen“ worden. Jetzt hielten die Dorfbewohner auf Distanz: Sie würden von den Taliban mit dem Tode bedroht, wenn sie mit den westlichen Truppen sprechen. Er habe selbst beobachten können, sagt der Hauptfeldwebel, wie sich Bewaffnete auch am helllichten Tag zwischen Frauen und Kindern im Dorf frei bewegen.

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