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Bundeswehr in Afghanistan : Auf unsicherem Posten

Soldaten in Kundus, nachdem sie einen Bodenleuchtkörper vor dem Hügel installiert haben

Soldaten in Kundus, nachdem sie einen Bodenleuchtkörper vor dem Hügel installiert haben Bild: Pilar, Daniel

Der deutsche Isaf-Regionalkommandeur Kneip sieht Potential für eine Straffung seiner Truppe. Doch wo die Taliban vertrieben wurden, will er nicht zu früh weggehen.

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          "Militärisch noch verantwortbar" sei die Entscheidung, im kommenden Mandatszeitraum das Bundeswehrkontingent in Afghanistan auf bis zu 4400 Soldaten zurückzuführen, hieß es am Donnerstag im Verteidigungsministerium in Berlin. In dieser Frage hat das Wort des deutschen Kontingentführers im Einsatzland Gewicht.

          Stephan Löwenstein
          Politischer Korrespondent mit Sitz in Wien.

          Das ist Generalmajor Markus Kneip, der Regionalkommandeur Nord der internationalen Afghanistantruppe Isaf. Seine Antwort auf die Frage, wie viele seiner rund 5000 Soldaten entbehrlich seien, lautet jedenfalls nicht "keiner". Er sagt: "Es wäre unredlich zu sagen, dass sie bis zum allerletzten Mann und zur allerletzten Frau unabänderlich ausgeplant seien. Das gibt es in keiner Großorganisation."

          „Aufwuchs“ zu drei Vierteln abgeschlossen

          Doch gibt Kneip drei Dinge zu bedenken. "Das eine ist, was machen die Amerikaner. Da dürfen andere Veränderungen nicht unkoordiniert und im gleichen Raum stattfinden. Diese Abstimmung läuft gerade. Das zweite ist die Transition, die Übergabe der Verantwortung an die Afghanen. Hier erwarten wir in den nächsten Tagen und Wochen eine weitere Entscheidung des afghanischen Präsidenten. Im Norden hat die Bundeswehr mehrere Standorte. Sie deutlich auszudünnen oder ihre Aufgaben auszudehnen würde zu einer Gefährdung der Sicherheit führen.

          Aber man kann mittel- und langfristig einzelne Standorte an die Afghanen übergeben und so durchaus Kräfte freimachen." Drittens aber gibt Kneip zu bedenken, "dass wir in manchen Regionen noch Defizite haben. Die können wir beseitigen, indem man aus dem einen Bereich Kräfte herausnimmt und in dem anderen reinvestiert. Beispielsweise sind noch nicht alle Kräfte der afghanischen Armee gepartnert. Und wenn die Amerikaner ihre Polizeiunterstützung reduzieren, gibt es auch hier Lücken."

          Generalmajor Markus Kneip gibt zu bedenken, dass es in einigen Regionen noch Defizite gibt
          Generalmajor Markus Kneip gibt zu bedenken, dass es in einigen Regionen noch Defizite gibt : Bild: dapd

          In ihrem Brief an die Fraktionen, in dem sie nun eine Reduzierung auf bis zu 4400 Mann im Verlauf des nächsten Jahres ankündigen, nehmen die Außenminister Westerwelle (FDP) und Verteidigungsminister de Maizière (CDU) Bezug auf das im Jahr 2011 Erreichte. Aus der militärischen Sicht des Regionalkommandeurs bezieht sich das Erreichte vor allem auf das Anwachsen der afghanischen Streitkräfte, die von den Bundeswehrsoldaten begleitet und unterstützt werden. Der "Aufwuchs" sei zu etwa drei Vierteln abgeschlossen, sagt Kneip, "auch wenn das letzte Viertel noch schwierig wird". Bisher seien vor allem Infanteristen und Polizisten ausgebildet worden.

          In Zukunft werde es darum gehen, mehr Spezialisten, unter anderem Logistikkräfte, oder auch Kräfte zur Abwehr von Sprengfallen auszubilden. Besorgniserregend seien weiterhin die Angriffe durch Aufständische. Die Entwicklung bei den Selbstmordanschlägen, die bis zur Jahresmitte "sehr besorgniserregend" gewesen sei, habe sich "jetzt etwas beruhigt". Allerdings wisse man nie, ob das von Dauer sei. "Positiv ist auch, dass die Angriffe auf hochgestellte Persönlichkeiten nicht so extrem zugenommen haben, wie das zu befürchten war. Dennoch stehen staatliche Amtsträger weiterhin im Fokus der Angriffe durch die Aufständischen." Große Sorgen bereiteten dabei die Sprengfallen, die willkürlich gelegt würden und vor allem afghanische Menschen töteten. "Sie sind auch unser größter Feind."

          „Fortschritte in kleinen Schritten“

          Vorsichtig ist Kneip mit dem Begriff "erfolgreich", wenn es um die Entwicklung in einigen früheren Talibanhochburgen vor allem bei Kundus im vergangenen Jahr geht. Er sieht aber "Fortschritte in kleinen Schritten". Die Bundeswehr hat dort die Verantwortung für Teile eines Distrikts bereits an die afghanischen Sicherheitskräfte abgegeben. "Ein Grund dafür ist sicherlich, dass die Bundeswehr und die Alliierten, und hier vor allem die Amerikaner, viel mehr draußen in der Fläche des Nordens präsent sind als früher. Sowohl in der Beratung, als auch im Kampf und im Aufbau sind wir stärker präsent als 2009 und 2010. Ferner kann ich erkennen, dass Afghanen in Führungspositionen - Kommandeure der Polizei und Armee - Verantwortung übernehmen. Nicht nur mitlaufen oder mitgezogen werden, sondern mit nach vorne gehen. Das dritte ist, dass sowohl wir, als auch die Afghanen versucht haben, auch in schwierigen Zeiten nicht überzureagieren."

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