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Bundeswehr in Afghanistan : Auf dem fliegenden Auge blind

  • -Aktualisiert am

Übergangslösung: Um Geld zu sparen will das Verteidigungsministrium israelische „Hereon 1”-Drohnen leasen Bild: ddp

Weil Soldaten sich damit sicherer fühlen, schwören die Italiener in Afghanistan auf die Aufklärung mit Drohnen. Die Bundeswehr muss weiter darauf warten. Berlin will ein europäisches Produkt - aber das muss noch entwickelt werden.

          Auf dem betonierten Flugvorfeld sind große helle Flecken zu sehen - notdürftig geflickte Einschusslöcher, von acht Raketeneinschlägen verursacht. Die Attacken gingen von Dörfern einige Kilometer entfernt vom Feldlager des italienisch-spanischen Regionalkommandos West der Nato-geführten Schutztruppe Isaf in Herat aus. Die erste Rakete schlug nur 30 Meter entfernt von einem geparkten Transportflugzeug ein, berichtet ein spanischer Soldat. Der Flugplatz liegt weitestgehend ungeschützt in einer Ebene. Aufständische nutzen das immer wieder aus, um den ausländischen Truppen schmerzhafte Nadelstiche zu versetzen.

          Auf der Start- und Landebahn rast eine „Predator“-Drohne vorbei. Das unbemannte Gerät wirkt auf dem breiten Asphaltband wie ein Spielzeug. In etwa 22 Stunden wird die Drohne wieder in Herat landen. Bis dahin fliegt sie ein 150.000 Quadratkilometer großes Gebiet ab. Ausgerüstet mit hochauflösenden, schwenkbaren Infrarot- und TV-Kameras, Radargerät und einer Satellitenfunkeinrichtung, gleitet die „Predator“-Drohne kaum vernehmbar in bis zu 7500 Meter Höhe über das Einsatzgebiet.

          Unschätzbarer Informationsvorsprung

          Von einer Bodenstation aus steuert Hauptmann Matteo Molari, Chef der 30-köpfigen italienischen „Predator“-Einsatzgruppe „Astore“, per Joystick das Fluggerät. Die Aufnahmen, die ihm via Satellit auf die Bildschirme gespielt werden, können den Soldaten am Boden das Leben retten. Die Drohne fliegt vor allem die Straßen ab, auf denen sich italienische, spanische oder afghanische Patrouillen bewegen. In Echtzeit liefert sie selbst in der Nacht Bilder von Aufständischen und Terroristen, die etwa improvisierte Sprengsätze am Wegesrand vergraben oder einen Hinterhalt vorbereiten, aus dem heraus sie die Truppen angreifen wollen. Hauptmann Molari gibt diese Informationen dann sofort an die Operationszentrale weiter, die umgehend die Patrouille von der Gefahr in Kenntnis setzt. Ein unschätzbarer Informationsvorsprung, den die Truppen auf diese Weise erhalten.

          Naheliegende Lösung: Amerikanische Drohnen vom Typ „Predator” könnte die Bundeswehr gut gebrauchen

          Die Italiener haben in Herat, wo sie das Kommando über das Regionalkommando West der Isaf führen, drei Drohnen des amerikanischen Typs „Predator“ zur taktischen Luftaufklärung und Luftüberwachung stationiert. Die Italiener haben inzwischen fünf Jahre Erfahrungen mit den unbemannten Drohnen sammeln können. „Die Bodentruppen fühlen sich besser und sicherer, wenn sie wissen, dass eine ,Predator' in der Luft ist“, sagt Hauptmann Molari. „Wegen ihrer hervorragenden Aufklärungsergebnisse bei zugleich hoher Einsatzdauer sind die Geräte aus dem Einsatz nicht mehr wegzudenken.“

          „Erhebliche Aufklärungsdefizite“

          Eine Erfahrung, die nicht nur die Italiener gemacht haben. Besonders die Amerikaner wissen die Fähigkeiten der „Predator“-Drohnen sehr zu schätzen. Im Gegensatz zu den Italienern sind große Teile ihrer Drohnen-Flotte zusätzlich mit Raketen bewaffnet. In Kampfhandlungen kommen sie dann zur Unterstützung der eigenen Truppen, aber auch zum gezielten Töten von Personen, in jüngster Zeit wiederholt gegen Terroristen und Talibanführer in Pakistan, zum Einsatz. Aber 70 bis 80 Prozent ihrer Missionen fliegen die unbemannten Fluggeräte auch bei den Amerikanern zur Aufklärung von Straßen und Ortschaften. In Afghanistan sind inzwischen rund um die Uhr Dutzende von Drohnen in der Luft.

          Die Bundeswehr hat die herausragende Bedeutung weiträumiger taktischer Luftaufklärung in Echtzeit für den Erfolg ihres Afghanistan-Einsatzes schon vor Jahren erkannt. Kommandeure in Kunduz und Mazar-i Sharif beklagen bis heute die „erheblichen Aufklärungsdefizite“ ihrer Truppen. Sie drangen schon 2003 auf die Beschaffung einsatzerprobter, auf dem Markt verfügbarer unbemannter Luftfahrzeuge. Aber Berlin ließ sich Zeit.

          Ein Europäer soll mitspielen

          Noch vor einem Jahr, als sich die Lage in Kundus längst zugespitzt hatte, sah die militärische Führung in Berlin keinen akuten Bedarf, den Forderungen aus dem Einsatzgebiet schnellstens nachzukommen. So nahm die federführende Luftwaffe eine eingehende, im Friedensbetrieb übliche Prüfung von sieben Angeboten vor und entschied sich Ende vorigen Jahres für fünf neuere Versionen der amerikanischen „Predator“ (Kosten 300 Millionen Euro).

          Nach der Einschätzung von Fachleuten wäre das eine naheliegende Lösung gewesen, denn die Luftfahrzeuge des amerikanischen Herstellers General Atomics hatten sich schon im Einsatz bewährt. Aber in der Bundesregierung wurde der Wunsch laut, europäische Unternehmen wie EADS müssten auf dem wachsenden Markt der unbemannten Flugzeuge auch mitspielen können. Der Luft- und Raumfahrtkonzern hatte allerdings noch nichts Vergleichbares vorzuweisen und bat um Entwicklungszeit. Ein erstes EADS-Produkt konnte die Anforderungen der Bundeswehr nicht erfüllen. Der Konzern musste eingestehen, Drohnen der geforderten Qualität wohl erst in einigen Jahren liefern zu können. Dem Vorschlag der Luftwaffe, „Predator“-Drohnen zu beschaffen, folgt das Verteidigungsministerium dennoch nicht.

          Keinerlei Erfahrung

          Es will stattdessen die Zeit überbrücken, bis ein konkurrenzfähiges europäisches Produkt auf dem Markt verfügbar ist. Deshalb sollen von 2010 an für drei Jahre „Heron 1“-Drohnen eines israelisch-deutschen Rüstungskonsortiums geleast werden (Kosten: 110 Millionen Euro). Das Verteidigungsministerium kündigte im Juni an, die „Heron 1“-Drohnen seien Anfang 2010 einsatzbereit.

          Fachleute bezweifeln das, denn die deutschen Streitkräfte haben mit dem Betrieb weitreichender Drohnen keinerlei Erfahrungen. Die Luftwaffe muss zunächst Personal, das die Geräte steuert, bereitstellen und ausbilden lassen. Zudem zweifeln Rüstungsfachleute an der schnellen Verfügbarkeit der Fluggeräte in ausreichender Zahl, um die von der Truppe kalkulierten 400 Einsatzstunden pro Monat zu erreichen. Es dürfte, heißt es, bis mindestens Mitte 2010 dauern, ehe die „Heron 1“-Drohnen tatsächlich die dringend benötigten Aufklärungsergebnisse in Afghanistan liefern. Bis dahin werden die deutschen Soldaten neidisch nach Herat blicken.

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