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Bundeswehr-Ausbildung in Mali : Truppe im Wartestand

Trainingspause wegen des Coronavirus: Zwei Sturmgewehre des Typs AK-47 liegen auf einer Bank im EUTM-Ausbildungszentrum in Koulikoro. Bild: dpa

Berlin will mehr deutsche Soldaten zur europäischen Ausbildungsmission nach Mali schicken, um die Streitkräfte in der Sahel-Zone zu trainieren. Aber macht das angesichts der Corona-Pandemie noch Sinn?

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          Florian Schleiffer sitzt in Koulikoro. Und wartet. Eigentlich sollte sein Bundeswehrkontingent den Wandel bringen. Es sollte dabei helfen, dass sich in Mali nach sieben Jahren des Einsatzes das Blatt im Kampf gegen die Dschihadisten endlich spürbar zum Besseren wendet. Stattdessen heißt es für den Oberstleutnant seit seiner Ankunft im EU-geführten Ausbildungszentrum Ende April: Büroarbeit bei 42 Grad, telefonieren und ansonsten Abstand halten. Das Training der europäischen Ausbildungsmission (EUTM) in Mali, zu der das deutsche Kontingent gehört, welches Schleiffer führt, ruht seit Wochen. „Operatives Minimum“ nennt er am Telefon das, was seine auf 60 Frauen und Männer zusammengestrichene Truppe vor Ort nun leistet: Material instand halten, malische Soldaten beraten und sich mit den übrigen europäischen Partnern der Mission koordinieren. Mehr geht nicht, denn das Coronavirus breitet sich mittlerweile auch in dem westafrikanischen Binnenstaat aus. Es hat die Ausbildung der malischen Streitkräfte durch die Europäer zum Erliegen gebracht.

          Mehr als 1100 Coronavirus-Fälle verzeichnet die amerikanische Johns-Hopkins-Universität in Mali. Die Dunkelziffer dürfte deutlich darüber liegen. Seit Wochen wird kein malischer Scharfschütze für den Kampf gegen die Dschihadisten im Norden des Landes mehr ausgebildet. Kein Fahrer lernt, wie er einen Geländewagen durch eine Furt lenkt. Und auch der Austausch über die besten Taktiken im Orts- und Häuserkampf zwischen Deutschen und Maliern lahmt.

          Statt zur Sicherheit des Landes beizutragen, müssen sich die Deutschen wie alle übrigen Truppensteller gerade zuvorderst um den Selbstschutz kümmern. Das beginnt schon bei der Anreise. Für Schleiffer und seine Soldaten dauerte sie von der eigenen Haustür bis zum Einsatzort vier Wochen: Zwei verbrachten sie isoliert von der Außenwelt in der Heimat, zwei weitere im malischen Gao. Die Quarantäne sollte verhindern, dass mit dem Virus infizierte Soldaten in den Einsatz gehen. Auch vor Ort unterliegen die Soldaten vergleichbaren Hygiene- und Abstandsregeln wie in Deutschland. So lässt sich auch mit verminderter Soldatenzahl der Antreteplatz ausfüllen.

          Näher an die Kampfgebiete

          Eigentlich wollten die Europäer und mit ihnen die Bundesregierung das militärische Engagement verstärken. An diesem Freitag stimmt der Bundestag über eine Verlängerung der deutschen Beteiligung an der EUTM wie auch am Stabilisierungseinsatz der Vereinten Nationen (Minusma) in Mali ab. Der Antrag der Bundesregierung sieht vor, die zulässige Höchstzahl der deutschen Truppen bei EUTM Mali von 350 auf 450 Soldaten zu erhöhen. Zugleich soll das Mandatsgebiet sukzessive auf ganz Mali sowie die übrigen G5-Sahel-Staaten (Burkina Faso, Mauretanien, Niger und Tschad) ausgeweitet werden. Damit sollen die deutschen Militärausbilder zum einen die Möglichkeit erhalten, ihre malischen Soldaten einsatznäher auszubilden, sprich, auch näher an den Kampfgebieten betreuen zu können. Zum anderen sieht das Mandat vor, auch Streitkräfte der übrigen Staaten auszubilden, die zur Zielscheibe grenzüberschreitender Terroristengruppen geworden sind und deshalb den Aufbau einer gemeinsam Anti-Terror-Truppe vorantreiben.

          Eigentlich soll Mali mit seinen Streitkräften mittel- bis langfristig selbständig die Sicherheit auf dem eigenen Territorium garantieren können. Das ist für die gut 20.000 Soldaten des Landes schon deshalb eine Herausforderung, weil Mali rund dreieinhalbmal so groß ist wie Deutschland. Hinzu gesellen sich jedoch auch jede Menge weiterer Probleme: ein fragiler Staat, ethnische Konflikte und eine Armee, die trotz allen Ausbildungsanstrengungen weit von dem Niveau entfernt ist, das sie für eine eigenständige Aufstandsbekämpfung benötigte.

          Überlegene Milizionäre im Norden

          Schleiffer weiß um die schwierige Situation. Als die europäische Ausbildungsmission vor sieben Jahren begann, plante er vom Einsatzführungskommando in Potsdam aus den deutschen Anteil der Mission. Pessimismus ist seine Sache zwar nicht. Die Malier seien auf einem „guten Weg“, sagt er. „Aber sie sind noch nicht bereit für das, was im Norden auf sie trifft.“ Dort kontrollieren Terroristengruppen das Land, deren Milizionäre bereits in anderen Konflikten wie in Libyen, Syrien oder Afghanistan gekämpft haben. Den Maliern sind sie überlegen, anders als den aktiven ausländischen Truppen im Land, allen voran den Franzosen.

          Die Sicherheitslage in Mali hat sich seit dem Beginn des internationalen Militäreinsatzes vor sieben Jahren immer weiter verschlechtert. Die Bundesregierung schreibt in ihrem ersten Lagebericht zur Situation in Mali im März dieses Jahrs einerseits, dass beide Einsätze zur Stabilität im Land beitragen würden. Andererseits kritisiert sie, dass die „internationalen Ausbildungs- und Ausstattungsanstrengungen der malischen Streitkräfte“ nun „effektiver auszugestalten“ seien.

          Oberstleutnant i.G. Florian Schleiffer, Führer des 22. deutschen Ausbildungskontingents EUTM Mali, im Einsatzland

          Eine Ausweitung des Einsatzes scheint momentan kaum denkbar. Schon wann die Wiederaufnahme des bisherigen Lehrbetriebs erfolgen soll, ist nicht absehbar. Schleiffer sagt, er sei „guter Dinge, dass es im Herbst wieder passiert“. Die Entscheidung dafür liege beim Kommandeur der EUTM Mali. Für seine Soldaten und ihn wäre das aber wohl zu spät. Im Oktober steht der nächste Wechsel an. Dann steht die Heimreise für das 22. deutsche Ausbildungskontingent in Mali an; es wäre das erste, das nie malische Soldaten persönlich ausgebildet hätte.

          Ob vor diesem Hintergrund die erhöhte Obergrenze des Mandats überhaupt sinnvoll ist, wird von manchem bisherigen Befürworter des Einsatzes inzwischen hinterfragt. „Die Corona-Pandemie macht die ohnehin wenig effiziente Ausbildungssituation in Mali nicht besser“, sagt Tobias Lindner, der verteidigungspolitische Sprecher der Grünen. Der bisher geplante Umfang sei begründungsbedürftig geworden. „Und ich bin skeptisch, ob er noch gerechtfertigt ist.“

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