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„Ukraine sollte aufgeben“ : Deutschland widerspricht Johnsons Vorwurf

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Besuch in Kiew: Boris Johnson (links) am 17. Juni neben Wolodymyr Selenskyj Bild: dpa

Dem früheren britischen Premierminister zufolge war die Bundesregierung aus wirtschaftlichen Gründen gegen einen längeren Krieg. Die Bundesregierung hält den Vorwurf für „Unsinn“.

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          Regierungssprecher Steffen Hebestreit hat eine Äußerung des früheren britischen Premierministers Boris Johnson zur deutschen Ukraine-Politik scharf dementiert. „Johnson hatte immer ein eigenes Verhältnis zur Wahrheit, das ist hier nicht anders“, sagte Hebestreit am Mittwoch in Berlin zu der Aussage Johnsons, Deutschland habe zu Beginn des Krieges eine Niederlage der Ukraine gewollt. „Die deutsche Sicht an einem Punkt war: Wenn es passiert, dann ist es ein Desaster und es wäre besser, dass die ganze Sache schnell vorübergeht. Dass die Ukraine aufgibt“, zitierte der amerikanische Fernsehsender CNN den früheren Regierungschef. Der Sprecher von Kanzler Olaf Scholz sagte auf englisch: „This is utter nonsense.“ (“Das ist völliger Unsinn.“)

          Die Äußerungen von Johnson sorgten am Mittwoch für Aufsehen. Johnson sagte: „Das konnte ich nicht unterstützen, ich hielt das für eine katastrophale Sichtweise“, sagte Johnson demnach. „Aber ich kann verstehen, warum sie so dachten und fühlten, wie sie es taten.“ Deutschland habe dafür „alle möglichen stichhaltigen wirtschaftlichen Gründe“ vorgebracht.

          Die Aussagen machte Johnson dem Sender zufolge bereits am Montag in einem Gespräch mit CNN-Moderator Richard Quest in Lissabon. Sie erreichten aber erst am Mittwoch ein größeres Publikum.

          Johnson, der während des Krieges mehrmals nach Kiew reiste, sagte, der russische Aufmarsch an den ukrainischen Grenzen sei ein Schock gewesen. „Wir konnten sehen, wie die Menge der russischen taktischen Bataillonsgruppen zunahm, aber verschiedene Länder hatten sehr unterschiedliche Ansichten“, so Johnson. Viele westliche Regierungen hatten vor dem russischen Angriff befürchtet, dass die Ukraine aufgrund der Übermacht des russischen Militärs innerhalb weniger Tage geschlagen sein könnte.

          Der ehemalige Regierungschef kritisierte auch Frankreich und Italien für ihre Haltungen vor Kriegsausbruch. Mit dem russischen Angriff am 24. Februar hätten sich die Ansichten aber geändert, so Johnson weiter. „Was passierte, war, dass alle - Deutsche, Franzosen, Italiener, alle, (US-Präsident) Joe Biden - sahen, dass es einfach keine Option gab.

          Weil man mit diesem Typen nicht verhandeln konnte“, sagte Johnson mit Blick auf den russischen Präsidenten Wladimir Putin. „Das ist der springende Punkt.“ Johnson lobte vor allem die Reaktion der EU als „brillant“.

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