https://www.faz.net/-gpf-a2j4h

Keine Verlegung ins Ausland : Bundesregierung fordert bestmögliche Behandlung Nawalnyjs

  • Aktualisiert am

Oppositionspolitiker Alexej Nawalnyj im Jahr 2017 Bild: dpa

Der russische Oppositionspolitiker darf nicht zur Behandlung nach Deutschland ausgeflogen werden. Die Ärzte in Omsk wollen eine Stoffwechselstörung ausgemacht haben. Anhänger fürchten um sein Leben.

          3 Min.

          Die Bundesregierung fordert die bestmögliche medizinische Versorgung des möglicherweise vergifteten russischen Regimekritikers Alexej Nawalnyj. „Die wichtigste Priorität ist natürlich, dass das Leben von Herrn Nawalnyj gerettet werden kann und dass er genesen kann“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Freitag in Berlin. „Wir wünschen, dass ihm jede medizinische Hilfe, die ihn hoffentlich retten kann, auch zukommt.“

          Schon am Donnerstag hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) angeboten, dass Nawalnyj in deutschen Krankenhäusern behandelt werden könnte. Der schwere Verdacht einer Vergiftung stehe im Raum, sagte Seibert am Freitag weiter. „Die Umstände des Falles müssen vollständig und transparent aufgeklärt werden.“ Die Bundesregierung beobachte den Umgang in Russland mit Oppositionskräften sehr genau.

          „Rein medizinische Entscheidung“

          Anhänger Nawalnyjs hatten ein Rettungsflugzeug organisiert, das ihn zur Behandlung nach in die Charité nach Berlin bringen soll. Die Maschine war  am frühen Freitagmorgen in Nürnberg gestartet und ist inzwischen in Omsk, 2200 Kilometer östlich von Moskau, gelandet. Die Ärzte teilten am Morgen jedoch mit, dass der Gesundheitszustand Nawalnyjs ihrer Einschätzung nach keinen Transport erlaube. Nawalnyjs Sprecherin Kira Jarmysch nannte dies auf Twitter eine „direkte Bedrohung seines Lebens“. Nawalnyjs Frau Julia hat den Kreml in einem Brief um die Erlaubnis für den Transport ihres Mannes nach Deutschland gebeten.

          Kreml-Sprecher Dmitrij Peskow wies Vorwürfe einer politischen Beeinflussung am Freitag zurück; Nawalnyj nicht verlegen zu lassen sei eine „rein medizinische Erscheinung“. Laut Jarmysch kamen auch die Ärzte aus Deutschland, die am Freitagnachmittag zu Nawalnyj vorgelassen wurden, zu dem Schluss, dass er stabil genug sei, um nach Berlin verlegt zu werden. Die Behauptung der Omsker Ärzte, die Entscheidung, Nawalnyj in Omsk zu behalten sei in Abstimmung mit den deutschen Ärzten gefallen, bezeichnete sie auf Twitter als „grobe Lüge“.

          Auf die Frage von Journalisten, ob die Ärzte in Omsk sich in dieser mit den Spezialisten in der Berliner Charité konsultieren wollten, hatte ein Arzt des Krankenhauses am Morgen gesagt, die Moskauer Spezialisten, mit denen er gesprochen habe, seien nicht schlechter als die deutschen. Am Freitagmittag veröffentlichte Jarmysch Fotos einer Toilette des Krankenhauses; darauf zu sehen sind Löcher in den Wänden, ein verdrecktes Stehklosett, verrostete Armaturen und ein Waschbecken ohne Seife und Handtücher. „Die Ärzte des Omsker Krankenhauses sagen, dass Alexeij in der Charité-Klinik in Berlin nicht behandelt werden muss, da die Bedingungen hier nicht schlechter sind als dort“, kommentierte Jarmysch.

          Die Ärzte in Omsk, die den seit Donnerstag im Koma liegenden Oppositionellen behandeln, haben nach eigenen Angaben keine Spuren einer möglichen Vergiftung gefunden. Im Blut und im Urin seien weder Gift noch Spuren davon nachgewiesen worden, sagte der Vize-Chefarzt Anatolij Kalinitschenko am Freitagmorgen im sibirischen Omsk vor der Presse. „Wir gehen nicht davon aus, dass der Patient eine Vergiftung erlitten hat.“ Am Mittag machte die Klinik schließlich die Diagnose publik, von der es am Morgen geheißen hatte, sie könne nur den Angehörigen mitgeteilt werden.

          Nawalnyj leide an einer Stoffwechselstörung, sagte der ärztliche Klinik-Leiter Alexander Murachowski am Freitag in einem Video. Ursache für die Erkrankung sei ein niedriger Blutzucker-Wert Nawalnyjs. Allerdings seien an Kleidung und Finger des Patienten auch Spuren von „industriellen chemischen Substanzen“ gefunden worden. Das sei aber ein üblicher chemischer Stoff, der auch bei der Produktion von Plastikbechern eingesetzt werde. „Er wurde nicht im Blut, sondern an Nawalnyjs Haut und der Kleidung entdeckt“, sagte der Klinikleiter weiter. Nawalnys Ärztin, Anastassija Wassiljewa, teilte auf Twitter mit, dass ein niedriger Blutzucker und eine Stoffwechselstörung keine Diagnose, sondern eine Zustandsbeschreibung seien. „Sie verkaufen uns wieder einmal für Idioten: sagen kluge allgemeine Worte, aber können nicht den Grund für das Koma und eine Diagnose erstellen“, schrieb sie.

          Vor der ersten Stellungnahme der Ärzte am Morgen hatte Nawalnyjs Mitarbeiter Iwan Schdanow geäußert, dass laut Polizei in Nawalnyjs Körper ein Stoff gefunden worden sei, der nicht nur für ihn, sondern auch für die Umgebung lebensgefährlich sei. Man dürfe sich ihm nur in Schutzausrüstung nähern. Auf die Frage, um welchen Stoff es sich handle, habe die Polizei geantwortet, das sei ein Ermittlungsgeheimnis. Davon war in keiner der offiziellen Stellungnahmen der Omsker Ärzte die Rede. Nach der Veröffentlichung der Diagnose kommentierte Schdanow das Video der Ärzte mit den Worten: „Aufgrund von Stoffwechselstörungen und einem niedrigen Blutzucker darf Alexej nicht transportiert werden?!“

          Nawalnyj hatte sich in Sibirien zu einer politischen Reise aufgehalten, um die Regionalwahlen im September vorzubereiten. Er warb dort für seine Strategie einer so bezeichneten „klugen Abstimmung“, die darauf gerichtet ist, jede beliebige Partei zu wählen – nur nicht die Kremlpartei Geeintes Russland. Er will damit deren Dominanz in Russland brechen. Nawalnyj gilt innenpolitisch als Staatsfeind Nummer eins des Kreml.

          Weitere Themen

          Der Held kämpft in der Zelle

          Nawalnyjs Blockbuster : Der Held kämpft in der Zelle

          Am orthodoxen Epiphaniasfest taucht auch Putin im Eiswasser unter, wie es Gläubige tun, um ihre Sünden abzuwaschen. Ist die Farbe seiner Badehose eine Anspielung auf Alexej Nawalnyj? Der Kremlkritiker inszeniert einen lebensgefährlichen Blockbuster.

          Topmeldungen

          Eine Frau telefoniert in einer Telefonzentrale für die Arzthotline 116117 des ärztlichen Bereitschaftsdienstes.

          Keine Impftermine möglich : Nette, aber hilflose Impfhotlines

          Die Impfstoffbeschaffung ist Bundessache, das Verabreichen aber die der Länder. In keinem von ihnen lässt sich ein Termin für eine Impfung vereinbaren. Die Länder halten den Bund für schuldig – und Pfizer.
          Das erste Interview nach seiner Wahl zum CDU-Vorsitzenden: Ministerpräsident Armin Laschet in der Düsseldorfer Staatskanzlei.

          Interview mit Armin Laschet : „Auch mit Friedrich Merz“

          Ein Gespräch mit dem neuen CDU-Vorsitzenden Armin Laschet über die Einbindung des unterlegenen Konkurrenten, die Kanzlerkandidatur, den Kampf gegen Corona, sein Verhältnis zu Russland, die Seidenstraße – und über Twitter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.