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Bulgarische Krankenschwestern : Ein einigendes Drama

Warten auf eine Entscheidung Bild: dpa

In ihrer Heimat sind die fünf in Libyen inhaftierten Krankenschwestern längst zu Heldinnen geworden. Zyniker behaupten, dass ihr schweres Los für die angeschlagene Regierung in Sofia ein Glücksfall sei. Mit Spannung wird die Entscheidung des obersten Richterrats erwartet.

          Als Christiana, Nassja, Valentina, Walja und Sneschana in den neunziger Jahren Bulgarien verließen, lag ihr Heimatland am Boden. Damals waren die fünf Krankenschwestern noch nicht im ganzen Land unter ihren Vornamen bekannt. Als gewöhnliche bulgarische Bürgerinnen verließen Frau Waltschewa, Frau Nenowa, Frau Siropoulou, Frau Tscherwenjaschka und Frau Dimitrowa Bulgarien, um der wirtschaftlichen Misere in dem ehemaligen sowjetischen Satellitenstaat zu entkommen.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Sie waren darin keine Ausnahme. Mehrere hunderttausend Bulgaren haben im vergangenen Jahrzehnt zumindest zeitweise ihr Land verlassen, um im Ausland Geld zu verdienen. In einem Krankenhaus der libyschen Hafenstadt Bengasi wollten die Frauen das Auskommen suchen, das in Bulgarien nicht mehr zu finden war.

          Eine Serie von Prozessen

          Bis dahin war ihre Geschichte nicht ungewöhnlich. Das änderte sich am 9. Februar 1999: An diesem Dienstag wurden im Al-Fateh-Krankenhaus von Bengasi 23 bulgarische Mediziner verhaftet. Die meisten kamen zwar bald wieder frei, doch fünf von ihnen sind bis heute in Haft. Sie wurden beschuldigt, für die HIV-Infektion von mehr als 400 libyschen Kindern verantwortlich zu sein; sie hätten das vorsätzlich im Auftrag des Mossad und der CIA getan. Die Anklage wurde am 7. Februar gegen sechs Bulgaren und einen Palästinenser erhoben. Ein bulgarischer Arzt wurde später freigesprochen, die anderen blieben in Haft - obwohl international angesehene Fachleute in Gutachten die Vorwürfe widerlegten.

          Es begann eine Serie von Prozessen, die aber alle mit dem Todesurteil endeten. Hoffnung kam erst mit der Überweisung des Falls an den Obersten Justizrats auf. Dieses Gremium, das die Angeklagten begnadigen, die Todesstrafen bestätigen oder in Haftstrafen umwandeln kann, tagte am Montagabend in Tripolis. Nach bulgarischen Presseberichten schien diesmal eine Einigung aussichtsreich, da auch mit den letzten Familien der an HIV-positiven oder schon an Aids erkrankten Kinder eine Abmachung über eine finanzielle Abfindung erzielt. Damit sei die letzte Hürde für eine Begnadigung beseitigt worden. Nun sei eine Umwandlung der Todesurteile in Haftstrafen sowie eine Überstellung die Bulgarinnen in ihre Heimat denkbar.

          „Ihr seid nicht allein“

          Dort können sie mit einem triumphalen Empfang rechnen. Denn sie sind in Bulgarien längst zu Heldinnen geworden, von deren Schicksal schon die Erstklässler gehört haben. In einem beispiellosen Schulterschluss haben sich Politiker, Künstler und Journalisten, aber auch die bulgarische orthodoxe Kirche zur Unterstützung ihrer Landsleute zusammengetan. Kaum ein Monat vergeht in Bulgarien ohne eine als gesellschaftliches Großereignis zelebrierte Solidaritätsbekundung für das berühmteste Pflegepersonal des Landes.

          Im Februar hielten die populärsten Unterhaltungssänger Bulgariens ein gemeinsames Konzert für die Inhaftierten ab. Zwei Größen der bulgarischen Schlagerszene, der Komponist Stefan Dimitrow und der Sänger Michail Beltschew, hatten ein Lied über das Schicksal der Frauen komponiert. Die Komposition wurde unter dem Titel „Ihr seid nicht allein“ von der Big Band des Bulgarischen Rundfunks, einem Symphonieorchester sowie mehreren Dutzend Sternen und Sternschnuppen des bulgarischen Klimperhimmels eingespielt und vor der ehrwürdigen Kulisse der Sofioter Alexander-Newski-Kathedrale uraufgeführt. Dort sollte im Mai dann auch der Patriarch der bulgarischen Orthodoxie, Maksim, ein öffentliches Gebet für die Frauen abhalten lassen, zu dem wundertätige Ikonen aus den Klöstern des Landes herangebracht worden waren.

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