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Bürgermeisterwahl : „London zerstört dich“

Glanz und Elend liegen in London nah beieinander. Bild: Getty

Das viele Geld, das aus aller Welt nach London geflossen ist, hat die Stadt internationalisiert, aber auch steril gemacht. An diesem Donnerstag wählen die Bewohner ihren Bürgermeister und können zwischen einem Milliardenerben und dem Sohn eines pakistanischen Einwanderers entscheiden.

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          Primrose Hill zählt zu den Stadtteilen, die Londoner als „chocolate box“ bezeichnen, als Pralinenschachtel. Alles ist hübsch angeordnet und appetitlich verpackt. Die viktorianischen Terrassenhäuschen gruppieren sich um malerische Plätze, in deren grüner Mitte wohlerzogene Kinder spielen. In den Spezialitätenläden stehen die Kunden bis auf den Bürgersteig Schlange, und unter den Markisen der High Street beobachten Prominente bei toskanischem Rotwein, wie andere Prominente vorbeischlendern. Wo sich das Viertel zum Park hin öffnet, geht es auf den Hügel hinauf, der Primrose Hill seinen Namen gegeben hat. Hier findet man Lily Stone* auf einer alten Holzbank. „Ich könnte nirgendwo anders leben“, sagt sie und blickt versonnen auf die Skyline von London.

          Jochen Buchsteiner
          Politischer Korrespondent in London.

          Lily leitet eine Agentur für Schauspieler und ist mehr in Los Angeles unterwegs als im Osten oder Süden ihrer eigenen Stadt. Sie machte Eva Green zum Bond-Girl, Lily James zu Cinderella und Alicia Vikander zur Oscar-Preisträgerin. Vor einem Jahr kaufte Lily für sich und ihre Tochter ein Häuschen in Primrose Hill. Es maß kaum über hundert Quadratmeter, und sie legte weit über zwei Millionen Euro auf den Tisch. „Teuer, ja, aber es ist Primrose Hill“, sagt sie. Für Londoner wie Lily Stone funktioniert die Stadt.

          Ein paar Meilen weiter im Osten lebt Matthew Dukelow*. Auch er zählt sich zur erfolgreichen, kreativen Mittelschicht. Aber für ihn funktioniert London nicht. Vor vier Jahren kam er aus Manchester, um sich den Traum aller Pianisten zu erfüllen: es in der Hauptstadt der Musik zu schaffen. Inzwischen hat er ein kleines Tonstudio in Shoreditch, in dem er Filmmusiken komponiert. Das Geschäft läuft nicht übel, in Deutschland würde er zu den „Besserverdienenden“ gehören. Aber dort, wo er arbeitet, kann er sich nicht einmal eine Minibleibe kaufen. Er wohnt zur Miete, in einem Einzimmerstudio. Nachts liegt er oft wach, weil er fürchtet, er werde im nächsten Monat nicht über die Runden kommen. „London zerstört dich“, sagt er. „Die Stadt hat mich zu einem zynischen, getriebenen und geldgierigen Menschen gemacht.“ Matthew ist oft krank. Seine Freundin hat ihn verlassen. Jetzt überlegt Matthew, London zu verlassen.

          Bürgermeisterwahl in London : Einwanderer-Sohn gegen Milliardärs-Spross

          ,,Beste Metropole auf dem Planeten“

          In der Außendarstellung der Stadtväter werden solche Nöte unterschlagen. Boris Johnson, der Ende dieser Woche seinen Bürgermeistersessel räumt, sah in den grotesk gestiegenen Lebenshaltungskosten nie mehr als einen lästigen Schatten, der den Glanz der Stadt nicht trüben kann. In den vergangenen acht Jahren entwickelte er eine wahre Meisterschaft darin, das Grandiose der britischen Hauptstadt herauszustellen. Als er melden ließ, dass London mit 8,6 Millionen Einwohnern den historischen Höchststand vor dem Zweiten Weltkrieg überholt hat, erklärte er dies mit der ihm eigenen Bescheidenheit: Dies sei „Zeugnis der Tatsache, dass diese Stadt die beste Metropole auf dem Planeten ist“.

          Sadiq Khan und Zac Goldsmith besuchen während des Londoner Wahlkampfs einen Sikh Tempel.
          Sadiq Khan und Zac Goldsmith besuchen während des Londoner Wahlkampfs einen Sikh Tempel. : Bild: Imago

          Natürlich hat Johnson auch recht. London bietet eine Pracht und Vielfalt, die sich in keiner anderen Stadt erleben lässt. Selbst Menschen ohne Geld dürfen am Weltstadtglück teilhaben, wenn sie an den imperialen Fassaden von Whitehall oder Piccadilly vorbeispazieren, kostenfrei durch die National Gallery wandeln und danach in den Kensington Gardens oder im Heath vollendete Parkkultur genießen. Für viele ist London das Sehnsuchtsziel geblieben. Kein Ort zählt mehr Touristen, und immer mehr Europäer, vor allem aus dem Süden und dem Osten des Kontinents, zieht es dauerhaft hierher. Von den 250.000 EU-Bürgern, die ihren Wohnsitz im vergangenen Jahr ins Vereinigte Königreich verlegt haben, ließ sich ein Gutteil in der Hauptstadt nieder. Sie folgen auch handfesten Anreizen: Der Arbeitsmarkt ist offen, das Gehaltsniveau hoch, und in der Not winken großzügige Sozialleistungen sowie ein weitgehend kostenfreies Gesundheitssystem. Nebenbei lernt man Englisch.

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