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Bürgermeisterwahl in Istanbul : „Alles wird sehr gut“

Der Oppositionskandidat Ekrem Imamoglu bei der Stimmabgabe am Sonntag in Istanbul Bild: Reuters

Die Stimmung der Parteianhänger bei der Bürgermeisterwahl in Istanbul könnte kaum unterschiedlicher sein. Während sich die Oppositionsanhänger siegessicher geben, ist bei der Regierungspartei eher Tristesse angesagt.

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          Es wirkt fast zu gut, um wahr zu sein: Als Ekrem Imamoglu auf dem Dach seines Wahlkampfbusses erscheint, und die Menschen begrüßt, die sich im Istanbuler Stadtteil Eyüp versammelt haben. Er holt zwei Mädchen zu sich, die vor lauter Aufregung und vielleicht wegen der vielen Sicherheitskräfte zu weinen begonnen haben. Imamoglu muntert die Kleinen auf, die Menge jubelt ihnen zu, und dann rufen die Drei gemeinsam seinen mittlerweile berühmten Wahlkampfslogan: „Alles wird sehr gut“. Natürlich ist das in diesem Augenblick die beste nur denkbare Werbung für den Bewerber um das Oberbürgermeisteramt der türkischen Metropole.

          Christian Meier

          Redakteur in der Politik.

          Dass Imamoglu die gesamte Klaviatur der Gefühle beherrscht, die so ein Wahlkampf benötigt, wird an diesem Freitagabend noch einmal deutlich. Es ist einer seiner letzten Auftritte vor der Wahl an diesem Sonntag. Selbst im traditionell geprägten Eyüp – politisch eigentlich klar Gebiet der islamisch-konservativen AKP von Präsident Recep Tayyip Erdogan – drängen sich die Menschen, um den 49 Jahre alten Politiker reden zu hören. Und der bemüht sich, alle einzubinden: Der Kandidat der säkular-nationalistischen CHP verweist auf die „spirituelle Präsenz“ von Eyüp, das ein wichtiger Pilgerort für Muslime ist. Er verspricht, sich für alle ethnischen, religiösen und politischen Gruppen einzusetzen – so wie schon Sultan Mehmet, der 1453 das seinerzeitige Konstantinopel eroberte, auch „die Herzen der Bürger erobert“ habe. Das vielleicht stärkste Symbol für Imamoglus Bestreben um Inklusivität ist ein scheinbares Detail: Neben ihm steht eine Gebärdensprachdolmetscherin auf dem Dach des Busses.

          Imamoglu kann aber auch richtig polemisch werden. Kräftig teilt er gegen die Regierungspartei aus, die Istanbul jahrelang als Selbstbedienungsladen missbraucht habe. Unter ihm werde das öffentliche Budget nie für „Luxus und Extravaganz“ verschwendet werden, verspricht der frühere Bezirksbürgermeister von Beylikdüzü.

          „Alles wird sehr gut“, mit diesem Slogan ist Imamoglu wochenlang durch die Stadt getourt, um die Menschen dazu zu bewegen, etwas zu tun, was sie an sich längst getan haben: ihn zum Bürgermeister zu wählen. In den Kommunalwahlen am 31. März hatten die Wähler die AKP in mehreren Städten abgestraft. Anders als in Ankara oder Antalya wollte die AKP die – sehr knappe – Niederlage in Istanbul aber nicht akzeptieren. Sie setzte erst eine Neuauszählung aller Stimmen durch; und als auch das ihrem Kandidaten Binali Yildirim nicht den erhofften Sieg bescherte, übte sie Druck aus, bis der Oberste Wahlrat am 6. Mai die Abstimmung annullierte, aufgrund formaler Mängel bei der Zusammensetzung einiger Wahlkomitees.

          Auf beiden Seiten wittern Anhänger seither Manipulation. Eine 35 Jahre alte Türkin, die ihren Namen nicht in einer ausländischen Zeitung lesen will, prophezeit an einem AKP-Stand im Stadtteil Üsküdar am Samstag einen Sieg Yildirims: „Bei der ersten Wahl gab es Manipulationen“, sagt sie, „deshalb wird er jetzt gewinnen.“ Wie genau die Opposition das Ergebnis gefälscht habe, könne sie nicht sagen, „aber ich bin mir sehr sicher, dass sie es getan haben“. Yildirim, den früheren Transportminister und Ministerpräsidenten, hält die Frau aufgrund seiner politischen Erfahrung für am besten geeignet, Istanbul zu lenken. Auf Nachfragen reagiert sie erbost und mit dem Vorwurf, voreingenommen zu sein. Präsident Erdogan hat immer wieder – auch in diesem Wahlkampf – unterstellt, feindliche Mächte hätten sich gegen die Türkei verschworen.

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