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Bürgerkrieg in Syrien : Schlachtfeld der muslimischen Völker

Soldaten der syrischen Armee in der Nähe der IS-Hochburg Raqqa Bild: AFP

Mit Waffen, Söldnern und viel Geld ringen Iran und die Golf-Staaten seit fünf Jahren in Syrien um die künftige Machtordnung des Nahen Ostens. Der Stellvertreterkrieg geht auf eine Jahrhunderte alte Niederlage zurück.

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          Syrien ist das Schlachtfeld, auf dem sich die künftige Ordnung des Nahen Ostens entscheidet. Daher hat jede der beiden Regionalmächte Saudi-Arabien und Iran ein vitales Interesse daran, Syrien in seinem Einflussbereich zu halten. Es geht dabei nicht um die Person Baschar al Assads. Vielmehr versucht Iran sicherzustellen, dass das Regime in Damaskus überlebt, weil es Teheran den Zugang zum Libanon und zur dortigen Schiitenmiliz Hizbullah sichert. Ferner will Iran auf syrischem Boden den „Islamischen Staat“ (IS) bekämpfen, den es als Bedrohung sieht und von iranischem Boden fernhalten will.

          Rainer Hermann
          Redakteur in der Politik.

          Saudi-Arabien hingegen sieht in dem Krieg eine Chance, Syrien aus dem „schiitischen Halbmond“, der von Teheran über Bagdad und Damaskus nach Beirut reicht, herauszulösen und diese Achse durch die Einsetzung einer sunnitischen Vasallenregierung in Damaskus zu brechen. Damit soll eine Entwicklung umgekehrt werden, die 1979 mit der Revolution in Iran begann und 2003 mit dem Sturz Saddam Husseins zur Machtübernahme durch die irakischen Schiiten in Bagdad geführt hat. Die arabische Welt war seit Saladin im 12. Jahrhundert weitgehend sunnitisch gewesen. Von 1979 an aber drang der revolutionäre schiitische Islam in die arabische Welt ein. Mit den Stellvertreterkriegen in Syrien und im Jemen will Saudi-Arabien den Status quo ante vor 1979 wiederherstellen.

          Bereits vor dem Ausbruch der Proteste in Syrien, die rasch in einen Krieg umschlugen, haben sich Saudi-Arabien und Iran feindselig gegenübergestanden. Das Ringen zwischen den beiden Schutzmächten des sunnitischen und des schiitischen Islams nahm in den vergangenen fünf Jahren weiter zu. Jede Seite schickte Waffen und Gelder nach Syrien, und jede Seite erhöhte immer dann ihre Unterstützung, wenn die jeweiligen Protegés unter Druck gerieten.

          Bild: F.A.Z.

          Qatar mischt sich in Konflikt ein

          Militante Islamisten hatten bereits in einem frühen Stadium der Syrien-Krise die zunächst friedlichen Proteste gegen das Regime Assad an die Seite gedrängt. Im November 2011 rief der Terrorist Osama Amin al Schihabi dazu auf, zu den Waffen zu greifen und einen Dschihad zu beginnen; wenig später stieg er in die Führung der Nusra-Front auf, des syrischen Ablegers von Al Qaida. Einen Monat später forderte der einflussreiche dschihadistische Internetprediger Abu Mundhir al Schinqiti, Assad mit Gewalt und nicht mehr mit friedlichen Mitteln zu stürzen.

          Zur gleichen Zeit begann Qatar, das zuvor in Libyen maßgeblich die Rebellen gegen Machthaber Gaddafi unterstützt hatte, in der türkischen Stadt Hatay, unweit der Grenze zu Syrien, eine „Ausländerlegion“ aufzubauen - auch mit Waffen, die zuvor in Libyen eingesetzt worden waren, sowie mit libyschen Kämpfern. Ihr schlossen sich rasch immer mehr islamistische Extremisten an, die im Irak Kampferfahrung gesammelt hatten. Das kleine, aber ambitionierte Emirat Qatar wollte die Speerspitze einer arabischen Militärintervention sein.

          Darauf reagierte Iran am 15. Januar 2012, indem es Qatar ein Ultimatum stellte und auf den iranisch-syrischen Beistandsvertrag verwies. Der gebe Teheran das Recht, Syrien auf dessen Boden gegen ausländische Kämpfer zu verteidigen. Als Reaktion darauf erklärte der Führer der Nusra-Front, Abu Muhammad al Dschaulani, dass der Dschihad in Syrien begonnen habe.

          Iran handelte nun rasch. Im Februar 2012 konfiszierte die Türkei einen Lastwagen, der iranische Waffen nach Syrien bringen sollte, und im Mai 2012 erklärte der stellvertretende Kommandeur der iranischen Eliteeinheit der Qods-Brigaden, erste Kämpfer seien bereits nach Syrien entsandt worden. Die Spirale war in Gang gesetzt. Als Antwort verstärkten die sunnitischen Golf-Staaten ihre Waffenlieferungen an die syrischen Rebellen, worauf Iran wiederum seine Unterstützung für das syrische Regime ausbaute.

          Seit Mitte 2013 war Saudi-Arabien der größte Waffenlieferant für die Rebellen. Das Haus Saud beauftragte Prinz Bandar Bin Sultan Al Saud, den langjährigen Botschafter in Washington und damaligen Geheimdienstchef, die Operationen zum Sturz Assads zu koordinieren. Der frühere britische Geheimdienstchef Richard Dearlove äußerte damals, Saudi-Arabien sei Teil einer vom IS geführten sunnitischen Erhebung in Syrien. Im April 2014 wurde Bandar seines Amtes enthoben.

          Waffenruhe : Fünf Jahre Bürgerkrieg in Syrien

          Iran unterstützt Regime mit Soldaten und Geld - viel Geld

          Iran hat nach Schätzungen unabhängiger Beobachter das syrische Regime jährlich mit umgerechnet 15 Milliarden Dollar unterstützt. Bereits zu Beginn der Proteste im März 2011 schickte Iran technische Geräte und logistische Ausrüstungen, um die Proteste niederzuschlagen, wie das auch nach der Präsidentenwahl 2009 in Teheran geschehen war. Das bedrängte Regime Assads hat es wesentlich iranischer Unterstützung zu verdanken, dass sich das Kriegsglück im Frühsommer 2013 zu seinen Gunsten wendete, etwa mit der Rückeroberung der strategisch wichtigen Stadt Qusair nahe der libanesischen Grenze.

          Bis Ende 2013 soll Iran 10.000 Kämpfer nach Syrien entsandt haben, unter ihnen Milizen mit Afghanen und Irakern, die in Iran ausgebildet wurden; hinzu kommen Einheiten der schiitisch-libanesischen Hizbullah. Die jüngste Eskalation ereignete sich im vierten Quartal 2015. Nach der Verlegung russischer Einheiten nach Syrien hatte Saudi-Arabien umfangreiche Waffenlieferungen an die Rebellen veranlasst, worauf Iran mit der Entsendung weiterer Kämpfer reagierte. Das „Wall Street Journal“ zitiert Schätzungen, wonach zurzeit 20.000 schiitische Kämpfer an der Seite des syrischen Regimes kämpfen. Bisher sollen mehr als 1100 Iraner im Krieg in Syrien getötet worden sein.

          Gerechtigkeit für Niederlage bei Kerbela

          Eine weitere Eskalation droht, sollte Saudi-Arabien seine Ankündigung wahr machen, Bodentruppen nach Syrien zu entsenden, angeblich um dort den IS zu bekämpfen. Das sagte der saudische Außenminister Adel al Dschubeir am 8. Februar. Iran vermutet indessen, dass Riad, das bereits viel in den Sturz des syrischen Regimes investiert hat, nun selbst eingreifen wolle, nachdem seine Söldnertruppen gescheitert seien. Teheran befürchtet, es werde zu einer militärischen Konfrontation zwischen beiden Staaten kommen, sollten Saudis in Syrien Iraner töten.

          Für die Iraner wiederholt sich in Syrien heute die Schlacht von Kerbela. Damals, im Jahr 680, tötete eine überlegene sunnitische Streitmacht den Schiiten Hussein, der Anspruch auf die Führung der Muslime erhoben hatte. Heute setzt Iran alles daran, dass bei der Schlacht um Syrien nicht wieder die Sunniten siegen, sondern dass „Gerechtigkeit“ für Kerbela geübt werde.

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