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Bürgerkrieg in Kirgistan : Die tiefen Spuren des Hasses

  • -Aktualisiert am

Heimatlos: Flüchtlinge aus Osch an der Grenze zu Usbekistan Bild: Marcus Kaufhold

Im Süden Kirgistans herrscht nur oberflächlich wieder Ruhe. Die Usbeken fürchten, dass sich die Ausschreitungen wiederholen können. Unter den Kirgisen gehen Verschwörungstheorien um.

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          Mitten auf der Straße beschwört der Imam die Männer, die ihn umringen, endlich danach zu handeln, dass muslimische Usbeken und muslimische Kirgisen Kinder des einen, gemeinsamen Gottes seien. Als der Imam schließlich auf dem Asphalt auf die Knie fällt, um den gemeinsamen Gott der tödlich verfeindeten Muslime von Osch anzurufen, bleibt diesen nichts anderes übrig, als es dem Geistlichen gleichzutun und sich hinzuknien und den Kopf zu neigen. Das war am Samstag, dem achten Tag der Blutgeschichte von Osch, die in der Nacht auf den 11. Juni begonnen hatte.

          Während der Imam betet, kniet Stadtkommandant Kursant Asanow auf der Straße, die Pistole im offenen Schulterhalfter über dem schwarzen Polohemd. Die mit Gewehren bewaffneten kirgisischen Soldaten, die ihn bewachen sollen, gehen in die Knie. Es knieen die usbekischen Männer ohne Waffen und einige Kirgisen im Kreis - und es fällt kein Schuss. Dabei war die Situation wenige Augenblicke zuvor noch hoch explosiv, als Asanow von den Usbeken von Osch forderte, innerhalb eines halben Tages die Barrikaden abzubauen, hinter denen sie sich verschanzt haben, seit kirgisische Gewalttäter einige usbekische Stadtteile niedergebrannt und viele Einwohner ermordet haben. Zu den Sicherheitskräften, deren Rolle bei dem Gemetzel unklar ist, haben sie kein Vertrauen mehr.

          Die Usbeken hatten Asanow ihre eigenen Forderungen überbracht: Sie verlangten, dass alle Banden entwaffnet werden, und dass an allen Kontrollposten in der Stadt außer den Kirgisen auch Vertreter der usbekischen Gemeinschaft stationiert werden - und zwar bewaffnet. Die willkürlichen Verhaftungen von Usbeken müssten endlich aufhören, Festgenommene müssten freigelassen werden. Eine unabhängige Kommission solle die Hintergründe des Mordens untersuchen, dem wahrscheinlich Tausende Menschen, vorwiegend Usbeken, zum Opfer gefallen waren.

          Beim Gebet: Für kurze Zeit ist die Lage entspannt, aber der Graben zwischen den Volksgruppen bleibt.

          Der Hass wird bleiben

          Stadtkommandant Asanow hatte alle Forderungen der Usbeken abgelehnt. Diese reagierten empört, und der Kreis schwitzender Männer, deren Nerven blanklagen, um den Kommandanten herum war immer enger geworden. Die Zeigefinger der Soldaten zuckten nervös am Abzug. Nach dem Gebet, zu dem sie der Imam gezwungen hat, gehen die Männer auseinander: die einen in die Kommandozentrale der Sicherheitskräfte, die anderen zurück hinter ihre Barrikaden, von denen eine ganz in der Nähe liegt. Einige Tage nach dieser Szene, am Dienstag, sind nicht mehr viele Barrikaden auf den Hauptstraßen von Osch. Aber nur die wenigsten haben die Usbeken freiwillig selbst weggeräumt, denn sie haben noch immer Angst. Die meisten hat das kirgisische Militär entfernt - in der Nacht zum Montag und am frühen Montagmorgen wurde deswegen wieder heftig geschossen.

          Der Hass wird bleiben. Einer der umstehenden Usbeken sagt nach dem Gebet des Imams auf der Straße, zwar seien in Osch die meisten Einwohner Muslime, aber die einen - die Kirgisen - hätten Waffen, und von den anderen - den Usbeken - lägen viele auf dem Friedhof. Ein anderer sagt verbittert, dieser Imam sei Kirgise und der Kniefall auf dem Asphalt nur Schauspielerei gewesen. Dass der usbekische Imam im Freitagsgebet in der zentralen Moschee von Osch zuvor ebenfalls Versöhnung gefordert hatte, wusste der Mann nicht: Aus Furcht, erschossen zu werden, sei er nicht hingegangen, sagt er.

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