https://www.faz.net/-gpf-7o9w2

Britische Soldaten in Afghanistan : Royal Angst

Fremde Welten: Buchautor Mike Martin glaubt, dass die britischen Soldaten in Helmand nicht merkten, dass sie für lokale Interessen eingespannt wurden. Bild: REUTERS

Erbittert kämpft das britische Verteidigungsministerium gegen die Veröffentlichung eines Buches, das den Militäreinsatz in Afghanistan kritisiert. Geschrieben hat es ein Soldat.

          4 Min.

          Es war eine Buchpräsentation der besonderen Art – eine Präsentation ohne Buch. Nicht minder skurril wirkte die Ortswahl: Die Publikation, die angeblich die Sicherheit der Streitkräfte gefährdet, wurde in 61 Whitehall vorgestellt, schräg gegenüber von 10 Downing Street. Dort residiert das ehrwürdige „Royal United Services Institute“ (Rusi), das schon Winston Churchill als militärhistorische Studierstube diente und engste Beziehungen zum britischen Verteidigungsministerium pflegt.

          Jochen Buchsteiner
          Politischer Korrespondent in London.

          Ursprünglich hatte das „Rusi“ nur den üblichen kleinen Kreis eingeladen, Abgeordnete, Offiziere, Diplomaten, ein paar Professoren und Analysten. Auf dem Programm stand die Vorstellung einer Fachpublikation mit dem wenig verdächtig klingenden Titel „An Intimate War – An Oral History of the Helmand Conflict 1987 – 2012“. Verfasst hat es ein junger Hauptmann der Reserve namens Mike Martin – inzwischen Dr. Mike Martin, denn er präsentierte die redigierte Fassung seiner Doktorarbeit, die er mit freundlicher Unterstützung seines Arbeitgebers in der südafghanischen Provinz recherchiert hatte.

          Den Krieg nicht verstanden

          Doch zehn Tage vor der Veranstaltung entdeckte das Verteidigungsministerium, das in London „MoD“ genannt wird, dass der Inhalt nicht dem Erwarteten entsprach und verlangte, den Druck des Buches zu stoppen. Daraufhin quittierte Martin, nicht ganz freiwillig, den Dienst. Das wiederum bekam die Zeitung „Times“ spitz und titelte just am Morgen der Veranstaltung: „MoD versucht eigenes Buch über Helmand zu verhindern.“ So nahm der Abend seinen Lauf. Gleich zu Beginn bat Theo Farrell, Professor für Kriegsstudien am Londoner Kings College und Martins Doktorvater, nur zum Inhalt des Buches zu fragen – und die „besonderen Umstände“ erst bei dem „Wein danach“ anzusprechen. Das gelang natürlich nur vorübergehend, ließ aber genügend Zeit, um die Thesen des Autors zu verfolgen.

          Martin wirft der britischen Armee vor, den Krieg in Afghanistan nicht richtig verstanden zu haben. Großbritannien sei ohne ausreichende Studien seiner drei vorangegangenen Afghanistankriege, gleichsam unvorbereitet ins Feld gezogen und habe sich von den Einheimischen an der Nase herumführen lassen. Insbesondere die Wahl der Provinz Helmand als zentrales Einsatzgebiet der britischen Armee wird von Martin kritisiert. Im 19. Jahrhundert habe die Armee des Empires in eben jener Provinz „Kriegsverbrechen“ begangen, weshalb die Helmandis den Briten mit Rachegefühlen begegnet seien.

          Die Armee ließ sich einspannen

          An einem Beispiel erläuterte der Autor, wie weit die Wahrnehmung der britischen Armee und der Helmandis auseinanderklafften. Martin wurde Zeuge, wie die Briten ein Dorf „von den Taliban befreiten“, recherchierte dann aber in jahrelanger Kleinarbeit, dass sie sich nur in die Interessen einer Dorf-Fraktion hatten einspannen lassen. In den drei aufeinanderfolgenden Kriegen in Afghanistan, die erst mit den Sowjets, dann mit den Pakistanern, schließlich mit der Nato zu tun hatten, seien in Wahrheit immer die selben tribalen Konflikte ausgetragen worden, argumentiert Martin: Streitereien um Wasser, um Mohnfelder, um Erbschaftsangelegenheiten. Martin, der über einen Zeitraum von sechs Jahren in Afghanistan recherchierte, beklagt einen Mangel an Sprachkenntnissen der Soldaten. Dies werde von lokalen Dolmetschern zugunsten verschiedenster Interessen ausgenutzt. Zugleich kritisierte er die kurzen Einsatzzeiten von durchschnittlich sechs Monaten, in denen sich kaum Landeskompetenz bilden lasse. Er erinnerte daran, dass die britischen Kolonialbeamten für zehn Jahre nach Indien geschickt wurden. „Vielleicht gibt es zwischen sechs Monaten und zehn Jahren ja einen vernünftigen Kompromiss“, sagte Martin. Seine Ausführungen mündeten in dem bündigen Satz: „Die Armee muss reformiert werden.“

          Das alles waren keine Blumen für das MoD, schon gar nicht für den britischen Geheimdienst, aber wer sich mit Afghanistan beschäftigt, hörte das meiste nicht zum ersten Mal. Offenkundig wurde auch, dass Martins unerbauliche Bilanz eines Krieges, der 448 britische Soldaten das Leben gekostet hat, nicht zur offiziellen Linie der Regierung passt. Rechtfertigt dies aber den Furor?

          Die Lektüre der Studie, die dieser Zeitung vorliegt, stützt den zentralen Vorwurf des Verteidigungsministeriums nicht. In einem Brief beschuldigte es den Reserveoffizier, den „Official Secrets Act“ verletzt zu haben, und begründete dies mit der Veröffentlichung geheimer Dokumente. Doch Martin zitiert nur Quellen, die seit langem über Wikileaks zugänglich sind. Der Verlag stoppte zwischenzeitlich dennoch die Druckmaschinen und bat das MoD, seine Klage zu konkretisieren. „Es folgte bizarres Schweigen“, sagt Michael Dwyer, der Direktor des Hurst-Verlages. Erst am Montag erreichte den Autor ein weiterer Brief des Ministeriums, in dem er abermals aufgefordert wurde, als „dienender Soldat“ die Publikation zu unterlassen. „Unsere Frage nach Klärung blieb unbeantwortet, und so stellten wir die Druckmaschinen wieder an“, sagt Martin, der noch am selben Tag seine Entlassungsunterlagen einreichte.

          „Lächerliche Geheimhaltungspolitik“

          Die „Times“ spekuliert, dass sich die britische Regierung vor allem Sorgen über die Reaktion aus Washington mache: auch der amerikanische Geheimdienst kommt in Martins Studie schlecht weg. Für wahrscheinlicher hielten Gäste im Rusi, dass das Ministerium seine „lächerliche“ Geheimhaltungspolitik gefährdet sehe. Seit etwa zwei Jahren bemüht sich Verteidigungsminister Philip Hammond, alle Information über das Haus zu steuern. Bis zur Schließung von „Camp Bastion“ seien die Presseoffiziere in Afghanistan sogar angehalten gewesen, Kantinengespräche zwischen Soldaten und Journalisten zu protokollieren, berichtete einer der Gäste.

          Die Auslandskorrespondentin Christina Lamb, die regelmäßig für die „Times“ aus Afghanistan schrieb, berichtete im vergangenen Monat, dass sie bei einer Begleitung der Einsätze der britischen Armee alle ihre Artikel dem Verteidigungsministerium vorlegen musste. Vieles sei dann in London geändert worden. Die scharfe Pressezensur habe sogar amerikanische Journalisten-Kollegen abgehalten, sich mit der britischen Armee „embedden“ zu lassen, sagte sie. Dementiert wird Lambs Vorwurf nicht; im Gegenteil. Generalmajor a.D. Timothy Cross, der in Afghanistan gedient hatte, sagte dazu unlängst: „Gehören Zensur und Propaganda dazu? Natürlich tun sie das.“

          Lamb wird seit ihrer Enthüllung nicht mehr zu Terminen des Verteidigungsministeriums eingeladen. Die Welt der Wissenschaft habe das MoD hingegen „auf subtilere Weise im Griff“, berichtet Martin. „Akademiker, die im sicherheitspolitischen Bereich forschen, finanzieren sich meistens über Projektunterstützungen aus dem MoD – das diszipliniert.“

          In Martins Fall setzte sich Rusi-Direktor Michael Clarke über Warnungen des Ministeriums hinweg und beharrte auf der geistigen Unabhängigkeit des Instituts. Inzwischen erhält er öffentlich Unterstützung. Der Labour-Abgeordnete Kevan Jones warf dem Verteidigungsminister am Donnerstag „Paranoia“ vor. Zuspruch kommt sogar aus der Truppe. „Martin hat der Armee mit seiner Schrift einen großen Dienst erwiesen“, zitierte die „Daily Mail“ Generalmajor Andrew Kennett, Martins Vorgesetzten in Helmand. Der über Nacht zur Berühmtheit gewordene Autor flüchtet sich derweil in Ironie. Er sei „amüsiert“ über das MoD, das seinem Buch keine höhere Aufmerksamkeit hätte bescheren können. Zugleich zeigte er sich enttäuscht: „Ich wäre gerne Teil des Systems geblieben – es muss reformiert werden, und das geht nur von innen.“

          Weitere Themen

          Baerbock betont Wert der Beziehungen zu Russland Video-Seite öffnen

          Antrittsbesuch in Moskau : Baerbock betont Wert der Beziehungen zu Russland

          „Wir haben ein fundamentales Interesse an stabilen Beziehungen“, sagte die Außenministerin bei ihrem Treffen mit Sergei Lawrow. Sie mahnte jedoch auch zur Einhaltung europäischer Werte und verurteilte die Drohgebärden gegen die Ukraine.

          Topmeldungen

          Schwieriger Besuch: Baerbock bei Lawrow im russischen Außenministerium

          Baerbock bei Lawrow : Frostige Begegnung in Moskau

          Annalena Baerbocks Treffen mit Russlands Außenminister verläuft höflich, aber angespannt. Die beiden tragen einander in erster Linie lange Listen an Differenzen vor. Und Lawrow ist gewohnt listig.
          Der britische Premierminister Boris Johnson und sein früherer Chefberater Dominic Cummings (rechts) verlassen Downing Street im September 2019

          Party in Downing Street : Wurde Johnson gewarnt?

          Boris Johnsons früherer Berater Dominic Cummings belastet den britischen Premierminister. Es werde noch weitere belastende Fotos geben, kündigt er an. Der Privatkrieg zwischen den beiden geht weiter.