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Britische Soldaten in Afghanistan : Royal Angst

Fremde Welten: Buchautor Mike Martin glaubt, dass die britischen Soldaten in Helmand nicht merkten, dass sie für lokale Interessen eingespannt wurden. Bild: REUTERS

Erbittert kämpft das britische Verteidigungsministerium gegen die Veröffentlichung eines Buches, das den Militäreinsatz in Afghanistan kritisiert. Geschrieben hat es ein Soldat.

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          Es war eine Buchpräsentation der besonderen Art – eine Präsentation ohne Buch. Nicht minder skurril wirkte die Ortswahl: Die Publikation, die angeblich die Sicherheit der Streitkräfte gefährdet, wurde in 61 Whitehall vorgestellt, schräg gegenüber von 10 Downing Street. Dort residiert das ehrwürdige „Royal United Services Institute“ (Rusi), das schon Winston Churchill als militärhistorische Studierstube diente und engste Beziehungen zum britischen Verteidigungsministerium pflegt.

          Jochen Buchsteiner
          Politischer Korrespondent in London.

          Ursprünglich hatte das „Rusi“ nur den üblichen kleinen Kreis eingeladen, Abgeordnete, Offiziere, Diplomaten, ein paar Professoren und Analysten. Auf dem Programm stand die Vorstellung einer Fachpublikation mit dem wenig verdächtig klingenden Titel „An Intimate War – An Oral History of the Helmand Conflict 1987 – 2012“. Verfasst hat es ein junger Hauptmann der Reserve namens Mike Martin – inzwischen Dr. Mike Martin, denn er präsentierte die redigierte Fassung seiner Doktorarbeit, die er mit freundlicher Unterstützung seines Arbeitgebers in der südafghanischen Provinz recherchiert hatte.

          Den Krieg nicht verstanden

          Doch zehn Tage vor der Veranstaltung entdeckte das Verteidigungsministerium, das in London „MoD“ genannt wird, dass der Inhalt nicht dem Erwarteten entsprach und verlangte, den Druck des Buches zu stoppen. Daraufhin quittierte Martin, nicht ganz freiwillig, den Dienst. Das wiederum bekam die Zeitung „Times“ spitz und titelte just am Morgen der Veranstaltung: „MoD versucht eigenes Buch über Helmand zu verhindern.“ So nahm der Abend seinen Lauf. Gleich zu Beginn bat Theo Farrell, Professor für Kriegsstudien am Londoner Kings College und Martins Doktorvater, nur zum Inhalt des Buches zu fragen – und die „besonderen Umstände“ erst bei dem „Wein danach“ anzusprechen. Das gelang natürlich nur vorübergehend, ließ aber genügend Zeit, um die Thesen des Autors zu verfolgen.

          Martin wirft der britischen Armee vor, den Krieg in Afghanistan nicht richtig verstanden zu haben. Großbritannien sei ohne ausreichende Studien seiner drei vorangegangenen Afghanistankriege, gleichsam unvorbereitet ins Feld gezogen und habe sich von den Einheimischen an der Nase herumführen lassen. Insbesondere die Wahl der Provinz Helmand als zentrales Einsatzgebiet der britischen Armee wird von Martin kritisiert. Im 19. Jahrhundert habe die Armee des Empires in eben jener Provinz „Kriegsverbrechen“ begangen, weshalb die Helmandis den Briten mit Rachegefühlen begegnet seien.

          Die Armee ließ sich einspannen

          An einem Beispiel erläuterte der Autor, wie weit die Wahrnehmung der britischen Armee und der Helmandis auseinanderklafften. Martin wurde Zeuge, wie die Briten ein Dorf „von den Taliban befreiten“, recherchierte dann aber in jahrelanger Kleinarbeit, dass sie sich nur in die Interessen einer Dorf-Fraktion hatten einspannen lassen. In den drei aufeinanderfolgenden Kriegen in Afghanistan, die erst mit den Sowjets, dann mit den Pakistanern, schließlich mit der Nato zu tun hatten, seien in Wahrheit immer die selben tribalen Konflikte ausgetragen worden, argumentiert Martin: Streitereien um Wasser, um Mohnfelder, um Erbschaftsangelegenheiten. Martin, der über einen Zeitraum von sechs Jahren in Afghanistan recherchierte, beklagt einen Mangel an Sprachkenntnissen der Soldaten. Dies werde von lokalen Dolmetschern zugunsten verschiedenster Interessen ausgenutzt. Zugleich kritisierte er die kurzen Einsatzzeiten von durchschnittlich sechs Monaten, in denen sich kaum Landeskompetenz bilden lasse. Er erinnerte daran, dass die britischen Kolonialbeamten für zehn Jahre nach Indien geschickt wurden. „Vielleicht gibt es zwischen sechs Monaten und zehn Jahren ja einen vernünftigen Kompromiss“, sagte Martin. Seine Ausführungen mündeten in dem bündigen Satz: „Die Armee muss reformiert werden.“

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