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Britische Abhöraffäre : Die Neuigkeiten der Welt

Immer tiefer im Strudel: David Cameron Bild: REUTERS

Premierminister David Cameron gerät immer tiefer in den Strudel der britischen Abhöraffäre. Täglich gibt es neue Enthüllungen. Auch die Glaubwürdigkeit der britischen Presse leidet.

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          Ein skrupelloser Privatdetektiv mit soliden Kenntnissen in der Ausforschung von Mobiltelefon-Anrufspeichern hat in Großbritannien das Vertrauen in die gesamte Presse erschüttert, die Regierung ins Schwitzen gebracht, einen Medienkonzern beschämt und Schadenfreude unter all jenen Stars und Sternchen gestiftet, die Enthüllungen aus ihrem Privatleben fürchten. Glenn Mulcaires Spitzeleien hatten schon im Jahr 2006 zu einem Gerichtsverfahren geführt - sowohl der Detektiv als auch ein Auftraggeber, der für Neuigkeiten aus dem britischen Königshaus zuständige Reporter der "News of the World", mussten anschließend ins Gefängnis.

          Johannes Leithäuser

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Doch das Ausmaß der illegalen Abhöraktion wird erst jetzt allmählich offenbar: Zuletzt wurde bekannt, dass die Telefone von Familienangehörigen jener Bombenopfer abgehört wurden, die vor genau sechs Jahren bei den Sprengstoffanschlägen auf die Londoner U-Bahn ums Leben kamen. Noch größere öffentliche Erschütterungen erzeugte die Nachricht, dass Journalisten sich vor einigen Jahren offenbar auch Zugang zum Mitteilungsspeicher einer ermordeten Teenagerin verschafften - und gespeicherte Nachrichten löschten. Bei der Polizei, aber auch bei den verzweifelten Eltern des Mädchens wurden dadurch Hoffnungen genährt, das Kind sei noch am Leben, obwohl es längst Opfer eines Verbrechens geworden war. Vor fünf Jahren aber, zu Beginn des Schnüffel-Skandals, wurde lediglich offenbar, dass der Telefonknacker Mulcaire die Nachrichtenspeicher (Voicemail) der Mobiltelefone von Mitarbeitern der Prinzen William und Harry angezapft hatte, um Neuigkeiten aus dem Privatleben der königlichen Familie zu erlauschen: Ein eigenmächtiger Einzelfall, wie der Chefredakteur des auflagenstärksten britischen Boulevard-Sonntagsblattes, Andy Coulson, damals sogleich beteuerte, der 2007 dennoch seinen Job bei der "News of the World" aufgab - und kurze Zeit später als "Kommunikationschef" des Oppositionsführers Cameron angestellt wurde.

          Der falsche Moment

          Coulson blieb zunächst in dieser Rolle, als Cameron vor einem Jahr die Regierung übernahm, obwohl zu jener Zeit immer mehr Mutmaßungen und Detailinformationen über weitere Lauschangriffe auf die Telefonspeicher von Politikern, Schauspielern und anderen Prominenten ruchbar wurden und Coulson immer öfter seine Ahnungslosigkeit über diese Vorgänge zu beteuern hatte. Erst im vergangenen Januar zog der alerte Berater die Konsequenzen und gab seinen Schreibtisch in der Downing Street auf mit der wohlformulierten Begründung: "Wenn der Pressesprecher der Regierung selbst einen Sprecher nötig hat, dann ist es Zeit, zu gehen."

          In der Ära von Andy Coulson soll „News of the World” direkt bei Polizeibeamten Informationen gekauft haben

          Die täglich neuen Enthüllungen über das Ausmaß der Lauschereien speisen sich aus drei Quellen: Erstens nahmen die Ermittler von Scotland Yard, die 2006 Mulcaires Haus durchsuchten, stapelweise Akten mit. Mulcaire hatte gründlich Buch geführt, also für jedes Objekt der Ausspähung Telefonnummern und Auftraggeber verzeichnet - angeblich waren nicht nur Reporter der "News of the World" unter seinen Kunden, sondern auch andere Boulevardblätter.

          Zweitens äußerten sich gelegentlich frühere Reporter mit Kopfnicken zu der Frage, ob die Chefs der "News of the World" von den Spitzel-Attacken wussten. Diese Bekräftigungen schaden jetzt nicht nur Coulson, sondern treffen inzwischen auch seine Vorgängerin auf dem Chefsessel des Sonntagsblattes: Rebekah Wade, verehelichte Brooks. Sie ist inzwischen zur wichtigsten Managerin des Medienzaren Rupert Murdoch aufgestiegen und regiert als Vorstandschefin von dessen Medienimperium nicht nur über die Boulevardblätter "News of the World" und "Sun", sondern auch über die "Times" und Murdochs Beteiligung an der Privatsender-Gruppe Sky TV (BSkyB). Der Wirbel um die Machenschaften bei Murdochs wichtigstem Blatt trifft den Medienkonzern ausgerechnet in einem Moment, in dem er sich anschickt, die lukrative britische Sky-Gruppe zu 100 Prozent zu übernehmen.

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